Kürzlich notierte der Dichter Durs Grünbein: "Es gibt Bücher, die alle gelesen haben, nur man selbst nicht – das sind in der Regel die Bestseller, Palettenware. Die müssen nicht alle schlecht sein, da aber Lebenszeit kostbar ist, überlegt man sich ihre Verschwendung genau." Solch hochmütiger Verachtung und strenger Zeitökonomie steht diametral entgegen die hingebungsvolle Zeitverschwendung, die Lust am Lektüresog, manchmal vielleicht auch nur die beflissene Sorge, etwas zu verpassen, was ringsum alle haben wollen. So entstehen Bestsellerleserinnen und -leser.

Aber wie entstehen Bestseller? Wann ist ein Buch ein Bestseller? Was fasziniert uns so, dass wir ihnen windhündisch hinterherjagen oder sie kamellippig verachten? Wäre es da nicht lukrativ, Bestseller zu planen? Doch alle Rezepturen, die man dazu erfunden hat, wirken nicht wirklich. Schon weil sie viel zu vage bleiben: Einfachheit, Übersichtlichkeit, nicht mehr als zwei Themen. Was soll man mit solch angeblich wissenschaftlicher Empfehlung anfangen? Statistisch gesehen, ist zu viel Sex abträglich, selbst bei Fifty Shades of Grey

Ekelhaftes wird zum Körperwunder

Was noch? Jörg Magenau, ausgezeichneter Literaturkritiker und Autor von Büchern über Autoren wie Christa Wolf, Martin Walser, Siegfried Lenz oder die Brüder Jünger, plant nicht voraus, sondern blickt lieber zurück. Was sagt es über uns Lesende, wenn bestimmte Lektüren massenhaft werden, gar epidemisch, was sagt es über den allgemeinen Geisteszustand, über Befindlichkeiten, Ängste und Wünsche? Ob man sie nun als "gelungene soziologische Experimente", "kollektive Träume" oder "kulturelle Barometer" tituliert – Bestseller sollen etwas über uns, die Lage des Landes oder den Zustand der Welt verraten. So erklärt Magenau sich und uns das jüngste und noch immer andauernde Wohlleben der Bäume und den Boom der Naturbücher nicht nur mit der Sehnsucht nach einer gar nicht mehr vorhandenen Natur, sondern zugleich nach einer "sozialdemokratisch durchorganisierten Gesellschaft", in der die Stärkeren mit den Schwächeren solidarisch sind.

Bernhard Grzimeks Serengeti-Buch von 1959 machte uns demnach damals zu tierlieben Kolonisatoren, wohingegen Thilo Sarrazin großstadtneurotischen Ängsten des Kampfs ums Dasein ein Ventil verschafft hätte. Giulia Enders charmantes Darm-Buch macht Ekelhaftes zum Körperwunder, dementiert damit den Ekelzwang von Charlotte Roches Feuchtgebiete, korrespondiert aber zugleich mit Richard David Prechts vielfältigen Ichen in der Botschaft gelassener Selbstakzeptanz. Lebenskunst und Selbsthilfehilfestellungen – saubere Seelen in korrigierten Körpern – körperliche und geistige Gesundheit als Teil der Unterhaltungsindustrie.

Immer, so scheint es, stehen Harmoniegeschichten solchen über die Härte des Lebens gegenüber, Glaubensbücher, ob von Franz Alt oder dem Dalai Lama, solchen der Apokalyptik wie seinerzeit etwa von Robert Jungk. Erlösbarkeit der Menschheit und Lösbarkeit der Welträtsel – wie stets auch umgekehrt. Wellen des Zukunftsoptimismus mit solchen der Angst, ähnlich den Wellen der Holland-, Skandinavien- oder DDR-Literatur. Nazigrusel und wandernde Sinnsuche. So richtig scharfe Kontur gewinnen wir hier nicht. Wie auch? Dazu sind wir und sind der Bücher zu viele. Wie genau wollen wir es denn überhaupt wissen, wenn wir uns in liebevollere Natur, aufrichtigere Provinz und geborgenere Vergangenheiten träumen wie umgekehrt uns vor menschlicher Unverbesserlichkeit, drohenden Unbehaustheiten und schrecklicher Geschichte gruseln.

Weltzustanderklärungen zwischen Reisfeld und Wüste

Die Bestsellerforschung weiß ja nicht einmal genau, wann ein Buch einer wird: Bei 50 Tausend oder zwei Millionen Exemplaren? Als Blockbuster über ein paar Wochen oder als Longseller? National oder international? Verlags- oder Buchhändlerangaben? Auch gelesen oder nur gekauft? Magenau erinnert an die wundersame Episode, als die ZEIT 1957 den "Seller-Teller", eine monatliche Liste mit fünf Büchern einführte. Sie basierte auf der Umfrage unter gerade einmal sieben Buchhändlern, die denn unter anderem das Buch des damaligen Feuilletonchefs Rudolf Walter Leonhardt 77 mal England alsbald auf den Teller brachten. Bei Spiegel, Focus oder Buchreport kümmern sich heute Marktforschungsunternehmen auf der Basis Hunderter Händler um dieses Marktinstrument. Dennoch kommen sie zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, weil zum Beispiel die einen Onlinehandel, die anderen stationären Buchhandel bevorzugen.

Alles das entfaltet Jörg Magenau ebenso kundig wie unterhaltsam. Er führt uns zu uns selbst als Lesenden ebenso wie durch den Betrieb um die Bücherwelt herum. Vor allem aber ruft er uns in feinen Miniaturen und kräftigen Porträts alte Bekannte, zwischenzeitlich Vergessene oder dauerhaft Geschätzte in Erinnerung, von der Mutter aller deutschsprachigen Sachbücher, Cerams Götter, Gräber und Gelehrte über Hildegard Knefs Geschenkten Gaul und alle die vielen Johann Mario Simmels, hin zu Süskinds Parfüm oder Schlinks Vorleser, Scholl-Latours Weltzustandserklärungen zwischen Reisfeld und Wüste oder Hape Kerkelings Seelenwanderung nach Compostella und bis hin zum mutmaßlich "meist-ungelesenen Buch" nach 1989, Uwe Tellkamps Der Turm.

Er liest noch einmal, was wir gelesen haben oder hätten sollen. "Die Geschichte der Bestseller ist eine Geschichte unserer Ängste und Sorgen", schreibt er am Ende. "Ganz egal wie disparat und widersprüchlich unsere Sehnsüchte waren, sie [die Bücher] hatten alle darin Platz." Hier jedenfalls schreibt ein Kenner und Liebhaber der Bücher, des Schreibens und des Lesens. Und so gar nicht in Sorge um deren Zukunft!

Jörg Magenau: "Bestseller. Bücher die wir liebten – und was sie über uns verraten". Hoffmann und Campe, Hamburg 2018, 287 S., 22 Euro