Lyrik steht notorisch im Verdacht der Wirklichkeitsvermeidung: der Rückzug ins Private, die Auflösung von Bedeutung in Klang und Musik, die Betonung des Gefühls vor Verstand und Wirklichkeitssinn. Ungeachtet dessen wird Claudia Rankines Langgedicht Citizen in den USA als literarische Sensation mit enormem Aktualitätsgehalt gefeiert. Als Vorsitzende der American Academy of Poets und Dozentin für Kreatives Schreiben an Elite-Universitäten ist Rankine schon lange eine wichtige Figur des literarischen Lebens in den USA. Mit Citizen allerdings, ihrer episodisch-epischen Erkundung des Schwarzseins in Amerika, tritt Rankine aus dem akademischen Schatten ins Scheinwerferlicht einer hart umkämpften Öffentlichkeit.

Citizen gesellt sich zu einer neuen Welle afroamerikanischer Kulturproduktion im Ausgang der Ära Obama. Die Black-Lives-Matter-Bewegung, Ta-Nehisi Coates und der aktuelle Erfolg des Marvel-Blockbusters Black Panther sind lediglich die Spitze einer unaufhaltsam wuchernden Produktivität von schwarzen Künstlern, Intellektuellen und Aktivisten in den USA. Wie viele Projekte der jüngsten Vergangenheit schwanken Rankines Meditationen über Rassismus, Diskriminierung und Gewalt zwischen wütender Resignation angesichts der unveränderten Lage und Auflehnung gegen deren Akzeptanz.

Dem Leipziger Verlag Spector Books ist es nun zu verdanken, dass Citizen jetzt in elegantem Design und risikofreudiger Übersetzung von Uda Strätling in Deutschland erscheint. Rankines Grundfrage umreißt einen Widerspruch: Was heißt es, heute als Schwarze in den USA zu leben, formal ausgestattet mit denselben Bürgerrechten, aber nach wie vor in einem verletzlichen, verwundbaren Körper? Einem Körper, der jederzeit willkürlicher Polizeigewalt ausgeliefert ist, der markiert und doch unsichtbar erscheint?

Rituale der Empörungskultur

Rankine geht es weniger um die Taten der Rassisten selbst als um die Wirkung auf die Betroffenen. Rassismus, wie es an einer Stelle heißt, ist eine "Sprache, die verletzt" und die sich "aller Formen deines Seins bemächtigen" will. "John-Henryism" ist der medizinische Fachbegriff für die pathologischen Konsequenzen sozialer Diskriminierung. "Der Forscher Sherman James, der den Begriff geprägt hat, spricht von hohen physiologischen Kosten. Du hoffst, indem du stillhältst, aus der Statistik zu fallen."

Zeitgenössische Diskussionen über Rassismus sind geprägt von den eingeübten Floskeln von Verantwortlichen und Betroffenen. Was kann Literatur, noch dazu Lyrik, dieser Wiederholungsflut an Bildern, Geschichten und Lippenbekenntnissen entgegensetzen? Wie können Gedichte aus ihrer schwachen Diskursposition gegen die Unsichtbarkeit und das Vergessen protestieren, ohne dabei die immer gleichen Rituale einer durch Facebook und Twitter kanalisierten Empörungskultur durchzuspielen?

Rankines Schreiben versucht, zunächst der Entrüstungsstarre zu entkommen, in die der Widerstand gegen rassistische Gewalt immer wieder fallen kann. Es ist eine leise Sprache, eine Sprache des Ausweichens und der kleinen Schwerpunktverlagerungen, die aber auch schlagartig obszön werden kann und sich nicht vor der Notwendigkeit scheut, die Dinge beim Namen zu nennen. Eine Sprache, die, indem sie stillhält, hofft, aus der Statistik zu fallen.

Unter dem Obdach des Gedichts gewinnt Rankine auf engstem Raum eine ungemeine Formenvielfalt. Die durch viel Weiß und von Abbildungen unterbrochenen Textblöcke erscheinen zumeist in Form von Prosagedichten. Dazu kommen Skripte für gemeinschaftliche Videoarbeiten mit dem Künstler John Lucas. Oft sind diese Textcollagen kleine Mahnmale für die Opfer jüngster rassistischer Gewalt wie etwa Trayvon Martin oder James Craig Anderson, der von dem Pick-up seines weißen Arbeitskollegen überrollt worden ist.