Unter uns ungefiederten Zweibeinern gelten die übermannsgroßen Laufvögel als schlechtes Vorbild, und das schon seit 2.000 Jahren. So amüsierte sich bereits Plinius der Ältere in der Naturgeschichte über die "Albernheit" der Straußenvögel, die darin bestehe, "dass sie sich bei einem solch hohen Wuchs des übrigen Körpers schon für verborgen halten, wenn sie nur ihren Hals im Gebüsch versteckt haben".

Dieses Vorurteil lebt bis heute fort: Wer nach Vogel-Strauß-Prinzipien handelt, Vogel-Strauß-Politik betreibt oder gar versucht, ein Informatikproblem durch einen Vogel-Strauß-Algorithmus zu lösen, der steht im Verdacht, der Wahrheit nicht ins Auge sehen zu wollen. Er steckt den sprichwörtlichen Kopf in den Sand und hofft, dass sich das Problem, der politische Missstand beziehungsweise der Computer-Deadlock durch konsequentes Ignorieren in Wohlgefallen auflösen werde. Ein Verhalten, wie es sonst nur kleine Kinder oder eben dumme, flugunfähige Laufvögel an den Tag legen. Oder?

Die Sinnesorgane mit Savannensand verstopft

Bei genauerer Betrachtung befinden sich die Strauße – wie auch die nach ihrem Beispiel handelnden Menschen – nämlich in bester philosophischer Gesellschaft. Sie verfahren nach den Grundsätzen des radikalen Sensualismus, als deren berühmtester Vertreter der Philosoph und Theologe George Berkeley gilt. In seinem 1710 erschienenen Hauptwerk A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge argumentierte der spätere Bischof von Cloyne, gegen den erstarkenden Materialismus seiner Zeit, "dass es keine andere Substanz gibt als Geist oder das, was wahrnimmt": Was nicht gesehen, gehört, geschmeckt, gerochen oder gefühlt werden kann, existiert demzufolge nicht. Alles, was wir über die materielle Welt wissen, verdanken wir unseren Sinneseindrücken – umgekehrt bedingt erst die sinnliche Wahrnehmung das Sein. Esse est percipi, lautet die berühmte Formel, auf die der irische Gelehrte diesen Gedanken brachte: Sein ist Wahrgenommen-Werden.

Die Illustration von Andreas Töpfer ist Florian Werners Buch "Die Weisheit der Trottellumme" entnommen. © Andreas Töpfer

Im Hinblick auf konkrete Gegenstände und Wesen mag eine solche radikal-sensualistische Haltung weltfremd wirken: Der viel beschworene Baum im Walde steht mit ziemlicher Sicherheit auch dann da, wenn kein Spaziergänger in der Nähe ist, um ihn zu betrachten. Und der hungrige Leopard löst sich nicht einfach in Luft auf, nur weil der von ihm attackierte Strauß seine Sinnesorgane mit Savannensand verstopft. Im Hinblick auf Abstrakta dürfte das Vogel-Strauß-Prinzip hingegen durchaus ein probates Mittel sein, um diese zum Verschwinden zu bringen. Emotionale Zustände wie Fremdenhass, Angst oder Misstrauen etwa verdanken ihr Dasein ausschließlich der Tatsache, dass sie empfunden werden: Sie verfügen über keine autonome Existenz jenseits eines Bewusstseins, das sie registriert. Und: Sie sind, wie eine Raubkatze, auf immer neue Sinnesnahrung angewiesen; auf Bilder von Terror, Gewalt und Gefahr, auf das stetige Sirren der sozialen Netzwerke und das bedrohliche Rauschen des Blätterwalds. Gefühle, vor allem solche negativer Art, wollen gefüttert werden. Wer sie von Zeit zu Zeit auf Diät setzt, kann sie zumindest schmächtig halten.

Eine herangezoomte Fata Morgana

Anders gesagt: Angesichts der Masse an Berichten über Krisen, Anschläge und Katastrophen, die unsere TV-Schirme und Touchscreens zum Glühen bringen wie Sonne den Wüstensand, ist ein solches – nennen wir es nach dem lateinischen Namen für die Gattung der Strauße: struthionisches – Verhalten das einzig vernünftige. Einfach kurz den Kopf in kühleren Erdschichten versenken, die Augen verschließen, Ohren verstopfen und die wohltuende Dunkelheit und Stille genießen. Dann ganz langsam und vorsichtig wieder aus der Versenkung auftauchen und überprüfen, ob es sich bei den Bildern herannahender Gefährder tatsächlich um Raubtiere aus Fleisch und Blut handelte – oder doch eher um eine durch das Flimmern der Bildschirme herangezoomte Fata Morgana. Nach dem Vogel-Strauß-Prinzip zu handeln bedeutet nicht, dass man die Außenwelt ignoriert. Es heißt nur, dass man gelegentlich die Türen des Bewusstseins schließt, um kühlen Kopf zu bewahren.

PS: Die schlechte Nachricht: Straußenvögel stecken gar nicht den Kopf in den Sand – im Gegenteil, wenn sie sich bedroht fühlen, rennen sie mit siebzig Stundenkilometern davon oder teilen mit ihren krallenbewehrten Füßen solch kraftvolle Tritte aus, dass selbst Leoparden den Schwanz einziehen. Wenn Strauße ihren Miniaturschädel in Richtung Boden strecken, dann entweder, um mit dem Schnabel ihr Gelege zu sortieren oder, ganz profan, um zu fressen. Der Eindruck, dass sie den Kopf im Savannenboden versenken, ist eine optische Täuschung.

PPS: Die gute Nachricht: Wenn man den Satz von Bischof Berkeley ernst nimmt, demzufolge jedes esse sich einem percipi verdankt, jede Wahrheit also das Resultat einer Wahrnehmung ist – dann stimmt die Rede vom Vogel-Strauß-Prinzip doch. Wenn Menschen seit Jahrtausenden diese Tiere dabei beobachten, wie sie den Kopf in den Sand stecken, dann tun sie das auch.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Die Weisheit der Trottellumme. Was wir von Tieren lernen können" von Florian Werner, mit zahlreichen Illustrationen von Andreas Töpfer, ca. 200 Seiten, erscheint am 12. März 2018 im Blessing Verlag, 18 Euro