Was macht die Dresdner Kultur aus? Man kann Barockschlösschen und Kunstschätze aufzählen, ebenso zahllose große Geister und Denker. Zum Wesen dieser Stadt gehört aber auch: Dresden ist eine Hauptstadt des Streits. Und wenn sich am vergangenen Donnerstagabend die beiden bekanntesten Schriftsteller der Stadt im Kulturpalast treffen, dann nicht, um sich gegenseitig aus ihren Werken vorzulesen. Durs Grünbein und Uwe Tellkamp sind auch nicht wegen der Eintracht hier: Es wird Spannungen geben, das ist schon lange vorher klar. Denn es geht in diesem "Dialog", veranstaltet vom Dresdner Kulturhauptstadtbüro, um Meinungsfreiheit. 

Schätzungsweise 700 Besucherinnen und Besucher drängeln sich, viel mehr als erwartet, sodass die Debatte kurzfristig vom Foyer in den großen Saal verlegt wird. Das Interesse ist auch deshalb enorm, weil es im Kern, in Dresden erst recht, um persönliche Bekenntnisse zweier Kulturschaffender geht: Wie halten es eigentlich Tellkamp und Grünbein mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung? Und: Ist sie wirklich bedroht in Deutschland?

Die beiden kennen sich, sie haben etliche Gemeinsamkeiten, hochdekorierte Schriftsteller, geschätzte Intellektuelle des Landes. Dresden ist in ihren Büchern mehr als nur Nebenschauplatz, sondern zugleich Heimat und Krisenherd. Durs Grünbein hat das unter anderem in seinem Erinnerungsband Die Jahre im Zoo getan, Uwe Tellkamp in seinem Epos Der Turm. In diesen Werken taucht Dresden im Rückspiegel auf. Wie aber stehen sie zum Dresden der Gegenwart? Zum Geburtsort von Pegida? 

Es war wie ein Outing

Grünbein hat seine Meinung früh kundgetan, sich positioniert, Debatten gesucht. Tellkamp blieb bis auf ein paar gelegentliche lokale Einwürfe auffallend still, jahrelang. Bis er nach der Frankfurter Buchmesse plötzlich seinen Namen hergab. Auf der Messe war es zu Turbulenzen zwischen den Veranstaltern, Besuchern und rechtsnationalen Verlagen gekommen. Kurz gefasst: Man bekam sich gegenseitig nicht in den Griff. Das Ganze wuchs sich zu einer diskursiven Großunwetterlage aus. In Dresden wurde wenig später gegen das Verhalten der Buchmessen-Organisatoren protestiert, mit einer sogenannten Charta 2017, in der einige Worte herausstachen: Man warnte vor einer "Gesinnungsdiktatur". Initiiert wurde die Aktion von einer Dresdner Buchhändlerin, Tellkamp gehört zu den Erstunterzeichnern. Das kam einem Outing gleich, zumindest waren allerhand Menschen über seine Verortung in der Nähe solchen Vokabulars überrascht. Waren das nur ein paar Worte oder war da noch mehr? Es dauerte nicht lange, bis von anderen Künstlerinnen und Künstlern der Stadt Protest gegen diesen Protest auftauchte. Erneut Mahnungen, dieses Mal "vor einem Opferhabitus" und "verbalen Entgleisungen". Auf dieser Seite war Durs Grünbein der prominenteste Unterschreiber.

Wieder einmal Fronten also. Zwei Schriftsteller, die kurz vor der Leipziger Buchmesse, deren Start von ähnlichen Debatten flankiert wird, im Kulturpalast nebeneinandersitzen, sich aber nur selten in die Augen schauen. Wer markiert zuerst seine Position? Die Entscheidung fällt per Münzwurf. Durs Grünbein startet mit seinem Plädoyer für die Meinungsfreiheit, "einem der höchsten Güter in einer vitalen Demokratie". Von ihm kommt ein entschiedenes Nein zu "Angstpropaganda" und "Weltuntergangsdemagogie".

Tellkamp wiederum eröffnet mit einer Flut von Schnipseln. Berichte, Talkshows, Vorfälle, die er akribisch zusammengesammelt hat und im Stakkato vorträgt: "Ein Vortrag an der Frankfurter Universität des Polizeigewerkschaftlers Rainer Wendt wird abgesagt. Der Vorwurf: Rassismus und Racial Profiling. An einer Berliner Hochschule wird ein Gedicht von Eugen Gomringer von der Fassade entfernt ... Die Universität Greifswald will den Namen Ernst Moritz Arndt ablegen …" Hinter all dem, glaubt Tellkamp, stecke "Gesinnung", ein "System", angeführt von einer Regierung, die "die Kontrolle verloren hat" und "Journalisten, die im Vorhinein auf Regierungslinie sind".