Die Luft schwer von Sex und Tod

Der Freund einer Freundin stammt aus dem Süden der USA. Sein leicht schleppender, breiter, man könnte auch sagen: gemütlicher Akzent verrät ihn sofort. Obwohl er Barack Obama gewählt hat und Donald Trump von Herzen verachtet, hat er Vorbehalte gegen den Norden. In New York war er noch nie. Die Leute seien dort zu schnöselig. Sie ließen die Menschen jenseits der Mason-Dixon-Linie gerne spüren, dass sie in ihnen Hinterwäldler und Rassisten sehen.

Dass er seit vielen Jahren in Europa lebt, hat ihn allerdings weit von seiner Herkunft entfernt. Er fährt nur noch selten nach Arkansas, wo er aufgewachsen ist, und noch seltener nach Texas, wo er geboren wurde. Viel verändert, weiß er, hat sich dort in den letzten Jahren aber nicht. Vielleicht sogar in den letzten Jahrzehnten. Zumindest nicht, wenn es um die grundsätzlichen Fragen geht, um Glauben und Überzeugungen, Mythen und Abstammung.

Ändern sich die Dinge wirklich?

1970, vor fast 50 Jahren also, machte sich die damals in den USA schon ziemlich bekannte Essayistin Joan Didion zusammen mit ihrem Mann, dem Schriftsteller John Gregory Dunne, auf in den Deep South. Einen Monat lang durchquerten sie Louisiana, Mississippi und Alabama. Die Tour begann in New Orleans, dann sollte es einfach weitergehen – ganz ohne Plan, das Notizbuch immer griffbereit.

Aus dem Vorhaben, über die Erlebnisse dieser Tage einen Artikel zu schreiben, wurde zwar nichts. Aber die Notizen dieser Zeitreise – die Kalifornierin Joan Didion war 1942/43 zum letzten Mal in den Südstaaten –, wurden nun unter dem Titel Süden und Westen veröffentlicht. "Notizen" klingt allerdings sehr bescheiden für das, was wir vor uns haben. "Der Sinn, ein Notizbuch zu besitzen", schrieb Didion in einem Text aus dem Jahr 1966, "bestand nie darin, exakt festzuhalten, was ich tatsächlich getan oder gedacht habe, und darin besteht er auch jetzt nicht. (…) Sich daran erinnern, wie es war, ich zu sein: Darin liegt der Sinn." So sind auch diese Aufzeichnungen eine Annäherung an einen Zustand – aber nicht nur das Ich, das Didion zum Zeitpunkt der Reise war, ist darin wiederzufinden, sondern auch die Lage des Landes.

Diese schwüle, feuchte Welt

Es sind feine, episodenhafte Beobachtungen. Eindrücklich führt Didion uns das Gesehene und Gehörte vor Augen, versetzt uns atmosphärisch in diese Landschaft, vermag in Nebensätzen und Dialogen Stimmungen zu erzeugen und die Widersprüchlichkeit der eingefleischten Südstaatler aufzuspüren. Etwa beim weißen Betreiber einer Radiostation in Meridian, die ausschließlich Gospel- und Soulmusik für die schwarze Bevölkerung spielt. Dieser Stan Torgerson spricht begeistert von den Möglichkeiten, die der Süden biete, auch für die Industrie; er erklärt, dass es einen spürbaren Wandel gebe, langsam zwar, aber immerhin. Der Ku-Klux-Klan, der eine wesentliche Größe in der Gemeinde war, sei das längst nicht mehr. Schwarze hätten inzwischen Zugang zu allen öffentlichen Orten. "Ich sage nicht, dass ich einen schwarzen Pastor heute Abend bei mir zum Essen haben werde, denn das ist nicht der Fall. Aber die Dinge ändern sich." The times they are a-changin‘ – aber tun sie das wirklich?

Das vorherrschende Klima ist auch am Ende dieses Jahrzehnts des Aufbruchs, der Bürgerrechts- und Frauenbewegung noch immer geprägt von altem Südstaatenstolz und schwelenden Ressentiments, von einer traditionellen Werteordnung und den ererbten guten Sitten. Einmal, bei einem Abendessen, will der Gastgeber von Joan Didion wissen, wieso es ihr vor einigen Jahren für Berichterstattungen erlaubt gewesen sei, "mit einem Haufen Marihuana rauchenden Hippie-Abschaums zu verkehren". Didion, die emanzipierte Intellektuelle, versteht zunächst nicht recht, fragt nach, wer ihr denn eine Erlaubnis hätte geben sollen. Und ihr Gastgeber fügt ganz selbstverständlich hinzu: "Du hast doch einen Ehemann? (…) Dieser Mann, von dem ich dachte, dass er seit einigen Jahren dein Ehemann ist, ist doch dein Mann?"

Die Vergangenheit wirkt fort

Das Klima ist noch auf andere, konkretere Weise prägend: Man wird durch Didions Prosa hineingesogen in eine verschlingende, sumpfige Gegend. Die Schwere und Hitze, die hypnotisierend flüssige Atmosphäre verlangsamt die Bewegungen. Fast in Trance geht man durch diese schwüle, feuchte Welt, in der Dies- und Jenseits zu verschwimmen scheinen. "In New Orleans ist die Luft im Juni schwer von Sex und Tod, kein brutaler Tod, aber der Tod durch Verfall, Überreife, Verrotten, der Tod durch Ertrinken, Ersticken, Fieber unbekannter Herkunft."

Was Didions Notizen jenseits solcher literarisch prägnanter und skeptisch forschender Beobachtungen fast 50 Jahre nach ihrem Entstehen interessant macht, ist eine Vermutung, die seinerzeit merkwürdig unausgegoren gewirkt hätte – heute aber fast schon prophetisch erscheint: "Ich hatte nur das dunkle und unausgereifte Gefühl, ein Gefühl, das mich hin und wieder befiel und nicht schlüssig erklärt werden konnte, dass der Süden und besonders die Golfküste für Amerika einige Jahre lang das gewesen war, was, wie die Leute immer noch sagten, Kalifornien war und für mich gerade nicht zu sein schien: die Zukunft, die geheime Quelle negativer und positiver Energie, das psychische Zentrum. Ich redete nicht so gern darüber."

Die Unruhen von Charlottesville

Angesichts der politischen Regression, die wir in den letzten Jahren erlebt haben; angesichts der Heftigkeit, mit der sich die weiße Mittelschicht gegen ihre befürchtete Bedeutungslosigkeit auflehnt; angesichts der Debatten, die in den USA wieder über "Rasse" und Herkunft geführt werden, scheinen es gerade die "negativen Energien" zu sein, die sich in der amerikanischen Gesellschaft breit gemacht haben. Das "psychic center", von dem Didion spricht, könnte man allerdings auch ein wenig anders übersetzen: als mystisches, übersinnliches, spiritistisches Zentrum nämlich, was es vielleicht besser treffen würde. Der Angelpunkt des Landes ist in dieser Hinsicht selbst heute nicht das Silicon Valley, nicht Brooklyn oder San Francisco, sondern der tiefe Süden.

An einer Stelle spricht Didion davon, sich wie in einer Zeitschleife zu fühlen: Für die Leute, die sie trifft, sei der Bürgerkrieg gestern gewesen. Von 1960 aber spreche man, als wäre es 300 Jahre her. Man muss da unweigerlich an die Unruhen in Charlottesville im letzten Jahr denken, die sich am Denkmal für einen Konföderiertengeneral entzündeten, und an die Verteidigung weißer Suprematisten durch Präsident Trump. Die Vergangenheit ist nicht tot, schrieb der Südstaatenautor William Faulkner, sie ist nicht einmal vergangen.

Auch die Aufzeichnungen Joan Didions, die noch ergänzt werden um kalifornische Notizen, die in die Kindheit der Autorin führen, sind zwar aus einer anderen Zeit, aber kaum aus einer anderen Epoche. Die Vergangenheit ist nicht nur nicht vergangen; sie wirkt unheimlich nah.

Joan Didion: "Süden und Westen. Notizen." Aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel. Ullstein Verlag, Berlin 2018, 160 Seiten, 18 Euro