Ein Herr Ulrich Steinbrecher verabredet sich mit Justus Mall in einem Café. Er habe, sagt Herr Steinbrecher, mehrere Bücher des Philosophen Mall gelesen: "Mall könne schreiben, habe aber keine Einfälle." Er, Steinbrecher wiederum, habe eine Botschaft: Man solle Überflüssiges lesen und das Überflüssige tun. "Du warst immer im Druck. Im Druck von Zielen und Zwecken. Also im Druck von Notwendigkeiten. Jetzt aber: einverstanden sein mit Ziel- und Zwecklosigkeit!" Herr Steinbrecher macht einen Vorschlag: Mall schreibt all das auf; Steinbrecher veröffentlicht es unter seinem Namen. Nach kurzem Zögern stimmt Mall zu. Das Tor zur Freiheit verkauft sich 200.000 Mal.

Ein Autor, der schreiben kann, aber keine Einfälle hat. Betrachtet man sich die Romane, die Martin Walser in den vergangenen Jahren veröffentlicht hat, könnte man einen derartigen Satz beinahe als eine ironische Selbstimprägnierung lesen. Nur dass Martin Walser alles ist, bloß kein Ironiker. Trotzdem hat die Passage starke symbolische Potenz: So einfach dieses neue, gerade einmal etwas mehr als 100 Seiten umfassende Buch an der Benutzeroberfläche daherkommen mag, so hinterrücks führt es einen auch immer wieder in die Falle. Wann immer man glaubt, Walser nun doch tatsächlich der Unterkomplexität überführt zu haben, stellt sich nämlich heraus, dass genau dieser Vorwurf bereits mitgedacht und in einer Art Gummiwandprinzip zurück auf den Adressaten geschleudert wird.

Er flüchtet in die dritte Dimension

"Roman" steht auf dem Umschlag, man erwartet also eine Art von Handlung. Gibt es, wenn auch in Rudimenten. Da ist eben jener Justus Mall, ein Mann im gesetzten Alter, der früher einmal einen anderen Namen trug und einen anderen Beruf hatte: Als studierter Jurist war Dr. Gottfried Schall zuvor als Oberregierungsrat in einem bayerischen Ministerium tätig, bis zu einem Vorfall, der sich, Stichwort: Brüderle, nahtlos in die #MeToo-Debatte einfügt.

Zudem hat Schall-Mall auch noch ein weiteres Frauenproblem: Es gibt "die Eine" und es gibt "die Andere". Beide liebt er. Mit der Einen ist er seit Langem verheiratet, mit der Anderen, einer Wissenschaftlerin, verbindet ihn eine leidenschaftliche Liebe. Beide fordern von ihm Ausschließlichkeit, damit kann und will Mall aber nicht dienen, also flüchtet er sich sozusagen in die dritte Dimension: Gar alles ist ein Briefroman, aber ein sehr einseitiger, denn Mall schreibt seine Episteln in ein Weblog hinein und adressiert sie an eine unbekannte, noch zu findende Geliebte, von der er sich Verständnis und Erlösung erhofft. Eine Antwort wird Mall nicht bekommen, was angesichts des Inhalts seiner Anschreiben auch nicht verwunderlich ist.