Die Literatur erzählt vom Chaos, und seinen Ursprung hat es in der Wirklichkeit: Trump, Brexit, Flüchtlingsdebatte, Rechtsruck, Terrorismus, Diktaturen – Krisen, wohin man schaut. Es erscheint vielleicht nötig, dass sich auch das klassische Erzählen einem Wandel unterziehen muss. Und die nun veröffentlichten, energetischen Fiktionen von Monika Maron und der 2017 verstorbenen Silvia Bovenschen treffen damit den Nerv unserer Zeit.

Bovenschens Lug und Trug und Rat und Streben ist ein Roman über Orientierungslosigkeit unserer Tage. Eigentlich führen die Lupinskis – Agnes, ihr Neffe Max, ihre Tante Alma und deren Schwager – in einem in die Jahre gekommenen Stadthaus ein beinahe normales Leben. Wundersames ereignet sich hingegen, als ein ominöser Mr. Odino auftritt. Alma hatte einst für ihn geschwärmt. Nun will er auf dem Dachboden einziehen, wo er mit dem Jungen eigenartige Dinge, darunter Masken, groteske Kleidungsstücke und Fotos, in verstaubten Truhen und Schränken findet.

Von da an gleitet das realistische Geschehen mehr und mehr in ein fantastisches Arrangement. Unversehens brechen der Teenager, sein neuer Freund und Alma in einen Ort namens Mispelheim auf, wo sie bald in ein modernes Mysterienspiel hineingezogen werden. Gespensterartige Doppelgänger treten auf, rezitieren barocke Vanitas-Verse. Drachen und "wölfische Monster" erobern ein Kolosseum, um sogleich wieder im Nichts zu verschwinden. 

Erst das Kulissenreich, dann die Realität

Zu der modernen Fassung der Walpurgisnacht treten hinzu: "der Hohepriester der allgültigen Hightech-Ordnung, die ehrbaren Fürsten des technoplastischen Transhumanismus, die erhabenen Meister der Biodiversität […], die Lachzwangdiva und der prämierte Vogel." Kurzum: Was in dieser Welt wütet, ist eine kraftvolle Unordnung, an Zitaten, Stoffen, Mythen, aber nicht zuletzt auch an verzerrten Spiegelbildern des aus dem Lot geratenen 21. Jahrhunderts. Die Wesen verkörpern Attribute der Konsum- und Verwertungsgesellschaft oder sie versinnbildlichen die Folgen eines ungebremsten Fortschrittswillens.

So viele Menschen sterben täglich in München

Sterben passiert häufig im Verborgenen. Diese Grafik macht im Zeitraffer dieses alltägliche Abschiednehmen am Beispiel München sichtbar: Im März 2017 starben hier 1.020 Menschen. Für jeden dieser Verstorbenen erscheint an ihrem Todestag ein Punkt in dem Postleitzahlbezirk der letzten Meldeadresse. (Daten: Stadt München)

Dass viele heutzutage die einzelnen Bedeutungszuschreibungen nicht mehr ganz entschlüsseln können, hängt wohl mit einer gewissen Geschichtsvergessenheit zusammen, die eine der Mispelheimer Figuren selbst anspricht: "Wenn es keine Vergangenheit mehr gibt, gibt es auch keine Reihenfolge mehr." Bevor die Lupinskis und auch der Leser das Wirrwarr durchdringen können, geht die Geschichte in einem Dantischen Inferno unter. Das Trio kann sich noch retten, zurück in die traurigen Ereignisse des Alltags. Auf das Kulissenreich folgt die Härte der Realität.

Silvia Bovenschens Roman zeigt sowohl die Symptome als auch die Therapien unserer Zeit: In der postfaktischen Epoche kursieren Fake-Geschichten und Verschwörungstheorien. Es ist eine Hochphase für die von der Wirklichkeit losgelösten Fantasie. Soweit die Diagnose. Ein Ausweg aus dem Chaos vermag hingegen gerade das Erzählen des Chaos aufzuzeigen. Die Rätselhaftigkeit provoziert den Willen zum Verstehen, sie fordert unsere Kreativität heraus.