Seitdem Menschen in westlichen Gesellschaften die Partnerwahl bevorzugt selbst in die Hand nehmen, sind sie von einer seltsamen Amnesie befallen. Jung und Alt einigen sich darauf, dass sich irgendetwas fundamental verschoben haben muss und dass Romantik heute ganz, ganz anders aussieht.

Das macht ein Buch wie Moira Weigels Kulturgeschichte des Datings so wichtig. Die Grundthese der Kulturwissenschaftlerin kassiert das Versprechen des Titels gleich ein: Dating hat sich viel weniger verändert, als das Vorurteil der Älteren es annehmen würde. Wer meint, die Balz in der Dorfdisko in den Achtzigern sei so viel unkomplizierter und gesellschaftlich abgesicherter gewesen als das Swipen bei Tinder, der vernachlässigt die große Kontinuität: Dating ist und war immer die Erotik der Unsicherheit. Heutige Vorurteile gegen das Online-Dating sind im Grunde genommen dieselben, die vor fünfzig oder hundert Jahren gegen das Dating bestanden. Nur die Deckmäntel, unter denen wir unsere Vorurteilen verstecken, hängen von der jeweiligen Mode ab.

Um die Jahrhundertwende waren es noch die neuen Frauen, in den Zwanzigerjahren waren es die Flapper in Trink- und Tanzetablissements, in den Sechzigern das wilde Zusammenleben in Wohngemeinschaften, und heute eben der routinierte Wisch nach links auf der Handy-App. "Eine Ära scheint sich mit der anderen zu reimen", sagt Weigel im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Natürlich mag sich diese Kulturgeschichte in Deutschland anders darstellen. Das Dating war lange einen Sonderweg amerikanischer Intimkultur. Nicht nur der Begriff selbst, viele der Phänomene, mit denen sich die Autorin Weigel beschäftigt, haben schlicht keine deutschen Entsprechungen gefunden oder wurden ungelenk eingedeutscht: calling, going steady, petting, swipen. Anna-Nina Kroll, die Weigels Buch übersetzt hat, belässt viele der Anglizismen: Thema des Buches ist die Kultur des Datings in den USA, die deutsche Fassung zeigt, dass diese Kultur längst, wenn auch nicht vollständig, globalisiert ist.

Dating braucht Mobilität

Die Kultur des Datings in den USA hat die Institutionen und Gepflogenheiten des Online-Datings stark bestimmt. "Dating", sagt Weigel im Interview, "kombiniert uramerikanische Ideen, die einander allerdings häufig widersprechen": Anonymität und Egalitarismus, den Gedanken, dass Mischung tendenziell gut ist, die "Verbindung von harter Arbeit und imaginierter Unschuld". Diese Ideen hat Hollywood jahrzehntelang exportiert, im Zeitalter von Tinder muss man das gar nicht mehr. Der Algorithmus macht uns zu erotischen Amerikanern.

Viele der Institutionen, an denen Weigel ihre Kulturgeschichte festmacht – allen voran die amerikanische Campus-Uni – hat es in Deutschland nicht gegeben. Das Bild zweier Teenager, die im Diner keusch Milkshakes trinken, hat etwas uramerikanisches. Aber, wie Weigel zeigt, reflektiert dieses Bild weniger den Ursprung des Datings, als den Moment, an dem Dating in der amerikanischen Mittelschicht und ihrer Vorstellungswelt ankam. Seinen Ursprung hatte Dating nämlich in ganz anderen Schichten. Und den dürfte es mit Deutschland teilen.

Dating setzte Mobilität voraus, und zwar nicht jene Mobilität, die Aufklärung und liberale Demokratie (sehr spät) Frauen schenkten, sondern jene, die aus Notlagen und sozialen Verwerfungen erwuchs. Frühe Dater rekrutierten sich vor allem aus der Arbeiterschicht: junge Frauen, die von der Farm in die Stadt gezogen waren und sich nun ihre Partner selber aussuchen konnten, und auch mussten.

In den prüden USA der Jahrhundertwende wurden sie häufig noch von der Sittenpolizei verhaftet. Denn sie trafen sich in verrauchten Lokalen, Tanzetablissements und öffentlichen Parks, und was sie taten, ließ sich auf den ersten Blick nicht von Prostitution unterscheiden – und auch auf den zweiten nicht. Gerade in den USA, wo es fast überall verboten ist, Geld für Sex anzunehmen, einen schicken Sportwagen und ein schönes Haus in der Vorstadt hingegen nicht, ist die Trennlinie ebenso wichtig wie unklar. Die Angst vorm Dating, so Weigels These, ist die Angst des Kapitalismus vor sich selbst.