Dating hat schon immer den Ruch des Marktes in die Liebe getragen und somit eben jene erzürnt, die Liebe und Kommerz geschieden sehen wollten. Die meinen, sie müssten sich nicht vermarkten, oder sollten es zumindest nicht müssen. Die sich aufgrund irgendwelcher tiefen Qualitäten und nicht aufgrund ihres Aussehens geliebt wissen wollen. Die meinen, dass Geld, Klasse, Milieu mit ihren Präferenzen nichts zu tun hätten. Diese Lebenslügen hat das Dating von Anfang an entzaubert.

Online-Dating unterscheidet sich heute tatsächlich vom herkömmlichen Flirt beim Tanzabend oder in der Mensa, insofern als anstatt von irgendetwas Numinosem auszugehen, sich Kompatibilität besonders aus gemeinsamen Vorlieben, Hobbys und Interessen herleiten lassen soll. Zumindest bei den großen Dating-Börsen für Heterosexuelle, die, wie Match.com, OkCupid oder Parship.de, dem User die große, monogame Liebe versprechen, wird Kompatibilität fast nur über das Zeug errechnet, mit dem wir uns umgeben. Der Kern des Selbst, das sind nunmehr die Fernsehsendungen, die man toll findet, Essen, auf das man steht, oder die Musik, die man nicht ausstehen kann. Eine Erotik der feinen Unterschiede.

Das führt tendenziell zu einer Entmischung: Ästhetische Vorlieben fungieren als Platzhalter für Herkunft und Status. Die großen Datenmengen, die Anbieter wie Tinder anhäufen, bestätigen leider, wie stark gerade ethnische Vorurteile unsere romantischen Präferenzen beeinflussen. Egal auf welcher App, sieht das Bild in den USA zum Beispiel so aus: Männer bevorzugen weiße und asiatische Frauen, schwarze Frauen sind weit abgeschlagen. Und asiatische Männer gehören zu den großen Verlierern im Onlinebalzen, außer auf den Kontaktbörsen für Homosexuelle.

Wir verkaufen uns nur besser

Dahinter lassen sich leider die ethnischen Stereotype ausmachen, mit denen der Kolonialismus nichtweiße Menschen kategorisierte: die passive asiatische Frau, der sexuell potente schwarze Mann, und so weiter. Christian Rudder, Mitgründer von OkCupid, hat in seinem Buch Dataclysm die Daten seiner Webseite ausgewertet und war selbst schockiert von dem, was er entdeckte: 82 Prozent aller nichtschwarzen Männer schienen, ohne mehr Informationen als ein Bild vor sich zu besitzen, kein Interesse an schwarzen Frauen zu haben.

Was man früher mit Verweisen auf Zufall und Schicksal aus der Welt wünschen konnte, liegt im Internetzeitalter offen zutage. Auf Tinder und Konsorten ist einerseits nichts mehr kontingent, alles wird von Algorithmen und Benutzeroberflächen bestimmt. Aber umgekehrt fühlt sich doch alles zufällig an: Das einzelne Date ein winziger Mosaikstein vor dem Hintergrund von Millionen anderer möglicher Paarungen.

Fast erfrischend also, wenn auf den Apps wie Grindr, auf informationsarmen Diensten wie Tinder oder Webseiten wie SeekingArrangements (für "Sugar Daddies", die sich ein "Sugar Baby" wünschen) Kompatibilität aufs Physische reduziert wird. Dort brechen sich dann aber dummerweise Vorurteile, leicht variiert, einfach direkter Bahn. "No Asians", "No Blacks": Die Dating-Profile gleichen Geschäften zu Zeiten der Segregation. Grindrs Vizechef Peter Sloterdyk sagte Vice News, dass man im Netz eben Dinge sage, die man in sozialen Situationen nicht ausspreche.

Natürlich gehörte Selbstvermarktung von Anfang an zum Dating dazu. Aber früher ging es bei der eher um gute Kleidung oder Dauerwellen. Heute, so Weigel, müssen wir gleich zum Kuratoren unseres eigenen Selbst werden. Die Tendenz, unser Selbst im Dating als Summe unserer Konsumvorlieben zu fassen, hält uns dazu an diese zu kuratieren, also handele es sich um Ausstellungsobjekte. Einen Rückzugsraum gibt es nicht mehr. Alles ist potenzielles Balzverhalten. Weigel sieht das als erotisches Pendant zur sogenannten Gig-Economy: Wenn Sie für Uber fahren oder für Deliveroo Pizzas liefern, ist jeder Zeitpunkt potentielle Arbeitszeit. Dank Tinder ist man auch noch auf dem Klo Subjekt und Objekt erotischer Auswahlverfahren.