Szczepan Twardoch hat einen festen Händedruck. Er ist mit dem Taxi zum Berliner Gendarmenmarkt gekommen, weil er in einem bestimmten Restaurant ein Wiener Schnitzel essen möchte. Später soll er in einer Berliner Buchhandlung aus seinem Roman Der Boxer lesen, der gerade auf Deutsch erschienen ist.

Twardochs Selbstsicherheit kommt nicht von ungefähr, denn in Polen ist er einer der prominentesten Schriftsteller überhaupt. Bekannt ist er nicht nur für seine schnelle, impulsive, effektreiche Sprache, sondern auch für sein öffentliches Auftreten. Der 38-Jährige sieht aus wie eine Figur aus einem seiner Bücher über das Warschau der Zwischenkriegszeit. Er trägt gern Dreiteiler, Dreitagebart und alte Uhren, schmiert sich Pomade in die Haare und arbeitet gelegentlich als Model für Werbekampagnen von Mercedes-Benz. Heute ist er etwas lässiger gekleidet: Braune Lederjacke und eng anliegendes T-Shirt, man sieht seine freien Oberarme und einige markante Tattoos.

In Polen hat Twardoch so viele Verehrer wie Feinde. Das hat auch mit seiner politischen Haltung zu tun. Einerseits kritisiert er die rechtskonservative PiS-Regierung scharf und schonungslos, nennt sie die schlechteste seit 1989. Besonders die Außenpolitik hält er für katastrophal. Für ihre Sozialpolitik lobt er die Partei Recht und Gerechtigkeit dann aber, etwa für die Erhöhung des Kindergelds und des Mindestlohns. "Und genau das ist das Problem", sagt er, nachdem er sich an einen Holztisch gesetzt und sein Schnitzel bestellt hat. "In Polen kann man nur Teil eines Lagers sein: pro oder kontra Kaczyński. Nuancierte Positionen sind unerwünscht."

Zwischen Schlägerei und brutalem Machtkampf

Doch genau darum gehe es ihm, beim Schreiben wie beim Denken: um Nuancen, Zwischentöne, Schattierungen. Er sieht sich als distanzierter Beobachter, als Einzelgänger, der auf sein Land wie ein Halbfremder schaut. Das mag auch mit seiner schlesischen Identität zusammenhängen. Twardoch wurde 1979 in der Gemeinde Pilchowice westlich von Katowice geboren, wo er bis heute mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt. Er ist heimatverbunden, bekennt sich zur schlesischen Minderheit – wie 300.000 andere Menschen in Polen –, setzt sich ein für schlesische Sonderrechte und die Erhaltung der schlesischen Kultur. Seine Muttersprache ist Schlesisch, das man auch als "Wasserpolnisch" bezeichnet, eine Mischung aus Polnisch und Deutsch. Seine Identität verschaffe ihm Distanz, auch gegenüber den politischen Konflikten im Land. "Ich bin Schlesier und kein Pole. Aber ich schreibe auf Polnisch. Ich denke auf Polnisch. Ich habe einen polnischen Pass. Ich befinde mich in einer kulturellen Außenseiterposition, die ich als sehr angenehm empfinde."

Der Boxer ist sein dritter ins Deutsche übersetzter Roman. In Polen kam er vor drei Jahren heraus und verkaufte sich binnen weniger Monate über 100.000-mal. Er exemplifiziert Twardochs Denken der kulturellen Mehrdeutigkeit: Der Text spielt, wie Twardochs literarischer Durchbruch Morphin (2012), im Warschau der Zwischenkriegszeit, in einer Stadt, die vor dem Einmarsch der Nazis und der anschließenden Zerstörung und Gleichmachung ein ethnischer Flickenteppich war. Der Protagonist heißt Jakub Shapiro. Er ist polnischer Jude und ein Gangster, der in die Hände des Großganoven Jan Kaplica gerät, des selbst ernannten Paten von Warschau. Kaplica wacht über die Stadt wie Al Capone über Chicago. Er kontrolliert die Bordelle, treibt Schutzgeld ein und genießt das Leben in dicken Karren und dunklen Bars. Shapiro begleitet ihn dabei.