Der Sound ist leidlich bekannt: Europa begehe Selbstmord. Gebrechlich und überfremdet, getrieben von Naivität und Selbstverachtung gehe es seinem Ende entgegen. Kulturfremde Einwanderer, vor allem Muslime, schickten sich an, den christlichen Kontinent zu übernehmen. Bald "werden wir den einzigen Ort auf der Welt, der unsere Heimat war, verloren haben."

Der Selbstmord Europas heißt das Buch des britischen Autors Douglas Murray, das in deutscher Übersetzung in der Edition Tichys Einblick erschienen ist. Für Einwanderungsgegner in Deutschland könnte Murray eine Referenz werden: Er scheint das perfekte Beispiel dafür, dass jemand, der Einwanderung für eine grundsätzliche, kulturvernichtende Katastrophe hält, zugleich vollkommen liberal und höflich, ja geradezu vornehm auftreten kann. Murrays ist 38, kommt aus bürgerlichem Elternhaus, war auf dem Elitegymnasium in Eton und hat in Oxford studiert. Er ist der Einwanderungskritiker, den der Songwriter Morrissey seinen Fans empfiehlt. Wenn er, wie zuletzt immer öfter, im britischen Fernsehen spricht, dann stets eloquent, witzig und ironisch. So als würden die Zustände, die er an die Wand malt, ihn selbst am meisten überraschen.

Nicht Konflikt, sondern Existenzkampf

Warum sollte man sich mit diesen Mann und seinem Buch, das vergangenen Sommer die Bestsellerlisten in Großbritannien erklomm, auch in Deutschland beschäftigen? Weil sich an Murray exemplarisch studieren lässt, wie beim Thema Einwanderung Liberale zu Rechten werden. Das hat viel zu tun mit einer kulturpessimistischen Liebe zur alten europäischen Kultur, an der an sich gar nicht so viel auszusetzen wäre. Auch seine unerbittliche Positionierung gegen den Islamismus, die er gerne in öffentlichen Streitgesprächen mit IS-Sympathisanten wiederholt, ist von aufrichtiger Sorge getragen.

Douglas Murray wurde 1979 in London geboren. "Der Selbstmord Europas" ist das erste seiner Bücher, das ins Deutsche übersetzt wurde. © Douglas Murray/Bloomsbury

Das Problem ist, dass alle diese Dinge für Murray nicht bloß Konflikte in unserer Gesellschaft sind – zwischen Tradition und Moderne, zwischen Fundamentalismus und Liberalität –, sondern Anzeichen eines Kampfes um die kulturelle Existenz, um Identität und Verdrängung. Auf der einen Seite stehen wir Europäer: alt, unsicher, dekadent. Auf der anderen die Fremden: stolz und durchsetzungswillig, frei von westlichen Schuldkomplexen und Selbstzweifeln. Wenn das europäische Wir sich nicht behaupten wolle, lautet Murrays Botschaft, dann würden die anderen den Kontinent übernehmen. Er wolle nicht, schließt er sein Buch, "dass schwache, sich selbst hassende, boshafte, müde Politi­ker, die sich selbst aufgegeben haben, unsere Heimat in einen völlig ande­ren Ort verwandeln."

Wie beim Rhetorikwettbewerb

Um diese Geschichte in seinem 300-seitigen Großessay eindrücklich zu erzählen, geht Murray vor wie bei einem Debattierwettbewerb: Es kommt weniger darauf an, ob etwas sachlich richtig ist, als ob es beim Publikum, das man überzeugen will, Eindruck macht. Alles wird so zum Symptom der diagnostizierten Krankheit.

Wenn in England viele Pubs schließen, kann das nicht an sich verändernden Freizeitgewohnheiten liegen, sondern daran, dass der Islam sich ausbreitet. Wenn Menschen sich gegen Rassismus einsetzen oder über historische Verbrechen des Westens reden wollen, dann tun sie das nicht aus genuinem geschichtlichen oder moralischen Interesse, sondern aus Hass auf ihre eigene Kultur, aus Drang nach "Selbstverleugnung". Stellt jemand fest, dass die Kriminalität in Deutschland trotz Einwanderung niedrig ist, dann ist das keine Aussage, die sich überprüfen ließe. Es ist ein eindrucksvolles Zeichen einer im Regierungssinne kontrollierten Debatte, die in Deutschland, auch dank der "Mainstream-Medien", von ganz Europa "am stärksten eingeschränkt und politisiert" sei.