Fehlt da nicht was? Genau: das A. Und das hat, zum 200-jährigen Geburtstag des Übervaters der Linken, auch seine guten Gründe: "Weil es eine Lücke zu Marx als Autorität geben muss, einen Abstand, ein Missverständnis, eine Fehlerquelle", schreibt Luise Meier in ihrem so dichten wie unterhaltsamen Antimanifest MRX-Maschine.

Abgehoben und verspielt zugleich beginnt es; nicht selten zwinkern Deleuze und Guattari durch die Zeilen: Mit "Prol-Mutation", "Daddy-fik(a)tion" und "Fuck-up-Force" kreiert die 1985 geborene "freie Autorin, Studienabbrecherin und Servicemitarbeiterin" (wie sie sich selbst auf ihrer Website bezeichnet) diverse flapsige Neologismen, die hohe Erwartungen wecken. Ein bedeutungsoffenes Sammelbecken ohne Identität oder Wesen soll die MRX-Maschine sein, wie es auch "queer" einmal war: "der Stuntman, das Double, Special Effect, Abwesenheitsnotiz".

Neoliberale Zerlegung der Arbeit

Im Herzstück des Buches, einer fundierten historischen Analyse, wird es dann zum Glück ziemlich handfest. "Die Abtrennbarkeit der Maschine vom System seines Gebrauchs, der Kapitalakkumulation, ist eine Illusion", postuliert Meier. Weshalb auch die klassisch marxistische Forderung, sich die Produktionsmittel anzueignen, keine grundlegende Änderung der Verhältnisse hervorbringen kann. Oder, auf die derzeit herrschende kybernetische Erscheinungsform des Kapitalismus bezogen: Die Tatsache, dass an der Spitze großer Tech-Firmen selbsternannte Altrevoluzzer sitzen, deren Slogans auch heute noch nach Freiheit, Teilhabe und Altruismus klingen, maskiert nur unzureichend, wie viel iPhone, Facebook und Fitbit tatsächlich mit der Funktion von Stechuhren und Lochkarten, Volkszählung und Einberufungsbefehl gemein haben. Dass die meisten Alltagstechnologien, mit denen wir uns heute per Doppelklick ein neues Outfit, glutenfreies Essen oder maßgeschneiderte Dates frei Haus bestellen können, im militärischen Kontext entwickelt wurden, dürfte vage bekannt sein – wie weit jedoch die Allianzen zwischen Militär, Unternehmen und Staatsmacht zurückreichen, nicht unbedingt.

Es mag weit hergeholt klingen, die fragmentierte Arbeitsweise von Start-ups und Netzgiganten mit der Todesmaschinerie des Holocaust zu vergleichen. Besieht man sich jedoch "die Beschränkung des Denkens auf Funktionalität", die Hannah Arendt der Figur Adolf Eichmann attestierte, lassen sich durchaus Parallelen finden zur neoliberalen Zerlegung in separierte Arbeitsprozesse und deren scheuklappenartigen Fokus auf Effizienzsteigerung, die den Blick auf größere (Ausbeutungs-)Zusammenhänge verstellen. Ein ähnliches Prinzip erkennt Meier in den Nürnberger Gesetzen von 1935, die eine Ausdifferenzierung in "Juden", "jüdische Mischlinge", "Geltungsjuden" und so weiter vorsahen.

Das omnipräsente Ranking

Die akribische Datenerhebung der Nazis zwang die betroffenen Individuen, "sich zu Experten ihrer eigenen Zerlegung zu machen", und verlieh ihnen zugleich die Illusion einer Restautonomie, sich selbst vor der Degradierung oder gar dem Tod zu bewahren. Ob man diese Perversion als eine frühe Form des Self-Tracking bezeichnen möchte, sei dahingestellt. Zumindest aber wirft ein solcher Blick in die Abgründe der Geschichte verstörende Fragen auf, die sich leicht auf das "quantifizierte Selbst" übertragen lassen: Welcher Experte hat eigentlich entschieden, wie viele Schritte am Tag ich machen soll? Was, wenn ich lieber Fahrrad fahre oder auf einem Pferd durch die Gegend reite? Oder 20 Stunden auf Koks in einem Club durchtanze, und dabei sicher eine Menge Kalorien verbrenne? Heute wie damals werden die von einer höheren Instanz gesetzten Ziele nicht infrage gestellt – vielmehr geht es einzig um die Erfüllung oder Abweichung von vermeintlich objektiv errechneten Kriterien.

"Das Marschieren in der Masse ist nur aushaltbar, weil man um die höhere Ordnung weiß, sich mit ihr identifiziert", konstatiert Meier, in Bezug auf Max Webers Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Kapitalismus und protestantischem Arbeitsethos. Diese Idee schlägt sich heute nicht zuletzt im omnipräsenten Ranking nieder: Jede Bewertung bei Amazon, eBay und Airbnb, jedes Like auf OkCupid und jeder Tinder-Wisch heben uns für einen Augenblick in den Status einer allwissenden, ja "göttlichen" Instanz. Ob wir uns als Arbeiterin mit dem Unternehmen und dessen Produkten identifizieren, oder als Bürger mit dem Nationalstaat, der seinen Kindern Sozialreformen als Belohnung für Gehorsam und Produktivität schenkt – stets geht es um die ideelle Teilhabe an einer "höheren Ordnung". "Daddyfik(a)tion" nennt Meier diese (illusorische) Machtteilhabe. Letztendlich, so ihre These, birgt auch der berufliche Aufstieg (beispielsweise von Frauen in Führungspositionen) ein falsches Emanzipationsversprechen. Denn der "Haussklave", um mit Malcolm X zu sprechen, unterscheidet sich vom "Feldsklaven" allein dadurch, dass er in der Ausbeutungshierarchie eine Stufe höher steht – und sich davor hüten wird, die bestehende Machtverteilung anzutasten.

Zu wenig Konsum- und Datenverweigerung

Wie Meier anhand historischer Schlaglichter den Status quo dekonstruiert und dabei konsequent feministische, antirassistische und antikoloniale Positionen mitdenkt, ist beachtlich und äußerst lesenswert. Allein das letzte Kapitel, in dem sie zur Destabilisierung des Systems aufruft, lässt etwas ratlos zurück. "Fuck-UP + Solidarität = Revolution" klingt erst mal nach einer griffigen Formel, nur: Wo genau versteckt sich der von Meier beschworene "Rest, der nicht im Marktgeschehen aufgeht, der sich nicht amortisiert"? 

Auch Freizeit und Kreativität, Familienleben und Sex bieten schließlich keinen Rückzugsraum mehr vor der Warenform, wie Meier selbst zeigt: "Der Markt weiß alles mit einem Preis auszustatten, egal, wie sperrig das Werk, die Äußerung, selbst die flüchtigste Performance ist." Marginalisierte Gruppen wie People of Color oder "LGBTIQIA*-Abtrünnige" als Störung im Getriebe der neoliberalen Maschinerie zu präsentieren, "queer" als opportune Strategie der Desidentifikation, scheint im Angesicht von Diversity-Management und allgegenwärtiger Kommodifizierung nicht wirklich haltbar. Schließlich hat Meier ein paar Kapitel zuvor selbst pointiert formuliert: "Proletarier gibt es nicht mehr, nur noch verschiedene kulturelle Identitäten, für die man eben verschiedene Phone-Cases anbieten muss."

Konkret gelebte Solidarität

Geht man davon aus, dass sich die meisten Menschen heutzutage eher im "unternehmerischen Subjekt" wiederfinden als in der Fließbandarbeiterin, sind die (Selbst-)Ausbeutungsverhältnisse eben nicht mehr ganz so klar. Wie man das "innere Proletariat" aktiviert, ohne in Apathie zu verfallen, lässt Meier leider offen. Wo liegen die Trennlinien zwischen entfremdeter und innerlich motivierter Tätigkeit? Wäre dieses Buch entstanden, hätte sich die Autorin konsequent selbst bestreikt? Wie kann eine Verschwendung der Arbeitskraft, ob im Exzess oder in der Faulheit, jenseits von Netflix und Deliveroo, Party oder Yogakurs aussehen? Zu sehr pocht MRX-Maschine auf Arbeitsverweigerung, zu wenig wird in Richtung Konsum- und Datenverweigerung gedacht.

Konkret gelebte "Solidarität/Verwandtschaft/Militanz" beschränkt sich hier auf wenige, allerdings wirkmächtige Beispiele. Da ist zum einen der Hegel-Enthusiast, der seine Wohnungseinrichtung an die Nachbar-WG verschenkt, bevor sie dem Gerichtsvollzieher in die Hände fällt. Zum anderen "der Schweißer" aus der gleichnamigen Erzählung von Ingeborg Bachmann, der nach der Lektüre von Nietzsches Fröhliche Wissenschaft "an der philosophischen Infektion durch den Zweifel" erkrankt und demnach in Generalstreik tritt. Lässt sich also die Philosophie als "Lösung im Sinne von Zersetzung" verstehen? Als befreiendes Gegenbild zum technologischen Solutionismus? Einiges spricht dafür; immerhin heißt auch die Reihe, der dieser Band entstammt, Fröhliche Wissenschaft. Dass auch die Philosophie ihre Geschichte hat, die keinesfalls in einem gewalt- und herrschaftsfreien Raum stattfand, steht dabei auf einem anderen Blatt.

Luise Meier: "MRX-Maschine". Matthes & Seitz Berlin, Berlin. 208 Seiten, 14 Euro.