Im Kulturteil der österreichischen Wochenzeitung Profil hatten sich vor einigen Wochen unter anderem die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz und die Philosophin Isolde Charim zur schwarz-blauen (oder türkis-blauen, wie es der offiziellen politischen Farbenlehre nach jetzt ja heißen muss) Regierung geäußert. Wenig überraschend fiel die Einschätzung nicht sonderlich euphorisch aus. Worauf sich postwendend Franz Schellhorn in der nämlichen Zeitung über die heimischen Intellektuellen echauffierte. Wenn Kulturjournalisten mit Kulturschaffenden lieber über Politik und Ökonomie sprächen als über deren angestammtes Metier, könne das ja wohl nur damit zu tun haben, "dass die Vertreter der Kultur eben besonders viel über das wirtschaftspolitische Weltgeschehen und die Niederungen der Innenpolitik wissen", ätzte der Leiter des neoliberalen, von Banken, Großkonzernen und Privatinvestoren finanzierten Thinktanks Agenda Austria. Über den Neoliberalismus sollen, so würde sich das Schellhorn wohl wünschen, gefälligst nur Leute reden, die ihn auch schon praktiziert haben.

Nun darf man sich natürlich darüber mokieren, dass dem Neoliberalismus mitunter die Funktion eines Schachtelteufels zukommt, der aus der Kiste springen muss, wenn alles Übel der Welt mit einem Begriff erklärt werden soll. Andererseits ist es ziemlich egal, wenn Menschen ohne Abschluss in Wirtschaftswissenschaften Verhältnisse als "neoliberal" geißeln, die der idealtypischen Definition durch die Hochkirche nicht astrein entsprechen mögen. Die Kritik richtet sich ja keineswegs bloß gegen eine bestimmte, so oder so akzentuierte Wirtschaftspolitik, sondern gegen die hegemoniale Weise, in der über die herrschenden Verhältnisse nachgedacht und gesprochen werden kann und darf.

Angst und Neid

War die Auffassung, dass der Staat selbstverständlich für das Gemeinwohl aufzukommen habe, in den Siebziger- und Achtzigerjahren noch tief im sozialdemokratischen Mainstream und damit auch in einem breiten Teil der Bevölkerung verankert, so kann man sich heute damit unschwer den Ruf erwerben, ein unverbesserlicher Marxist zu sein. "Die Entsolidarisierung wird jetzt Eigenverantwortlichkeit genannt, ein Zustand, in dem der und die Einzelne gelernt hat, sich als selbstverantwortlich für das eigene Schicksal zu sehen, und zwar ausschließlich, eine Verantwortung, die jedoch nicht mit dem entsprechenden Einfluss auf die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen einhergeht."

So beschreibt Olga Flor den Sprach- und Mentalitätswandel in ihrem Essay Politik der Emotion. Flor ist Schriftstellerin (ihr Roman Klartraum schaffte es im vergangenen Jahr auf die Shortlist des Österreichischen Buchpreises) und sie schreibt auch noch von "der gesetzgebenden Macht des neoliberalen Hyperkapitalismus", entspricht also perfekt dem Anforderungsprofil "österreichische Intellektuelle", bei dem Franz Schellhorn das G’impfte aufgeht (wie man in Wien so schön sagt). Dabei ist Flors Buch, das in der sehr elegant betitelten und gestalteten Reihe Unruhe bewahren im Residenz Verlag erschienen ist und auf einer Grazer Vorlesungsreihe gleichen Namens basiert, alles andere als ein wüstes Pamphlet, sondern ein in kurze Sequenzen unterteilter Panoramaschwenk, der ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Systematik die politischen Verwerfungen der Gegenwart registriert: Trumps "Twittergewitter" werden ebenso bedacht wie die Politik mit Angst und Neid oder die Krise der Rationalität, sprich: des argumentbasierten Diskurses im Zeitalter der permanenten Gekränktheitsbereitschaft.

Der Titel Politik der Emotion spielt auf Politik der Gefühle an, jenen Essay, in dem Flors im Abspann auch genannter und bedankter Kollege Josef Haslinger 1987 die Ursachen analysierte, die zur Wahl des ehemaligen Wehrmachtsoffiziers und SA-Angehörigen Kurt Waldheims zum österreichischen Bundespräsidenten geführt hatten. Die klassische, mittlerweile längst in Verruf geratene Agitation beschreibt Haslinger darin als eine "Politik der Überzeugung, die Gefühl für ihre Zwecke umzupolen sucht". Ihr stellt er die titelgebende Strategie gegenüber: "Es ist keine Verführung zu einer Haltung, sondern es ist das Einschmeicheln eines Produkts. Der Umworbene kann der Politik der Gefühle nicht widersprechen. Sofern der Werber überhaupt etwas Diskutables sagt, redet er dem Umworbenen doch nur von der Seele."

Affektive Energien bündeln und lenken

Daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert. Flor zitiert in ihrem Essay den US-Journalisten Bret Stephens, der in seiner Memorial Lecture für den ermordeten Kollegen Daniel Pearl bitter anmerkte: "'Truth is what you can get away with', (…) also das, womit man gerade noch so durchkommt." Wut- und Angstgefühle dürften, so Stephens Schlussfolgerung, nicht mehr infrage gestellt oder kritisiert werden, weil sie gleichsam selbstbegründend seien.

Nutznießer dieser "frei flottierenden Emotionen", wie sie Isolde Charim in ihrem Buch Ich und die Anderen nennt, sind bekanntlich Populisten wie Donald Trump, die diese affektiven Energien zu bündeln, zu lenken und damit ihre Macht zu sichern wissen – im Übrigen im Namen jener, deren Interessen sie mit Füßen treten. Wie Flors Essay verdankt auch das Buch der Wiener Philosophin seine Entstehung einer Vorlesungsreihe, in diesem Fall einer Folge von sechs halbstündigen Beiträgen für den Sender Ö1 des österreichischen Rundfunks. Wenn Flor eine punktuelle Phänomenologie zur politischen Situation der Zeit erstellt, dann liefert Charim die Theorie dazu. Und die operiert, wie jede Theorie, die ihren Namen verdient, systematisch und historisch. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert, lautet der Untertitel des Buches und damit ist auch schon der Schlüsselbegriff genannt, um den sich bei Charim alles dreht.

Keine dauerhaften Liberalisierungsgewinne

Wir leben als pluralisierte Subjekte in einer pluralisierten Gesellschaft, und es gibt kein Zurück – so lautet, in größtmöglicher Knappheit zusammengefasst, Charims Fazit. Die Pluralisierung und die Position, die unterschiedliche gesellschaftliche, religiöse, ethnische und politische Gruppen zu diesem Prozess einnehmen, ist die alles entscheidende Demarkationslinie, entlang der sich die entscheidenden Auseinandersetzungen der Gegenwart abspielen.   

Charims Befund richtet sich aber nicht nur gegen alle konservativen, nationalistischen bis rechtsextremen Versuche, eine (ohnedies stets fiktive) homogene Gesellschaft zu "retten", indem alles, was ihr angeblich wesensmäßig widerspricht als fremd bekämpft und ausgesondert wird; er richtet sich nicht nur gegen Samuel Huntingtons These vom "Kampf der Kulturen", sondern auch gegen die Aufrufe von links, sich doch bitte der alten Werte zu besinnen und endlich wieder Umverteilungs-, statt bloß Identitätspolitik zu machen.

Defizienz ertragen

Gewaschen mit allen Theoriewässerchen von Louis Althusser bis Slavoj Žižek (den sie übersetzt hat, aber auch kritisiert), ist Charim Althusserianerin genug, um zu wissen: "Die Stunde der letzten Instanz schlägt nie." Die orthodoxe Dichotomie von Basis und Überbau, der zufolge die Ökonomie den Takt vorgibt, an den sich alles andere zu halten hat, ist nicht mehr zu retten. "It's culture, stupid!", zitiert sie zustimmend den deutschen Soziologen Andreas Reckwitz, auch wenn sie dessen Konzept der Hyperkultur in einem entscheidenden Punkt widerspricht.

Pluralisierung, und das ist der springende Punkt bei Charim, bedeutet nicht einfach nur ein erweitertes Angebot an Lebensstilen oder Überzeugungen, sondern hat notwendig zur Folge, dass die Identitäten "prekär" werden. Das Mehr geht also mit einem Weniger einher, weswegen Charim auch, durchaus zustimmend, die Existenz eines "Weniger-Ich" postuliert. Diesen Umstand der Defizienz zu ertragen und, wenn man will, politisch zu verwalten, sei die Aufgabe aller, die sich den Versuchen der Rechten, zum Essentialismus voller Identitäten zurückzukehren, nicht anschließen wollen: "[G]enau das ist es, was uns verändert: die Erfahrung, dass unsere eigene Identität immer nur eine Option unter anderen ist. (…) Heute spürt oder ahnt zumindest jeder, dass er selber nur eine Möglichkeit neben anderen ist. Dass seine Identität nicht beanspruchen kann, 'normal' zu sein."

Die aggressivsten gesellschaftlichen, religiösen und politischen Strömungen der Gegenwart sind nichts anderes als Versuche, dieses Faktum zu ignorieren. Der Umstand, dass Pluralisierung unhintergehbar ist, bedeutet freilich nicht, dass auch etwaige Liberalisierungsgewinne auf Dauer gestellt wären. Gerade die Pluralisierung befeuert nämlich auch Tendenzen, sich für Unmündigkeit und Unterwerfung zu entscheiden, wie das die jungen IS-Kämpfer tun, die mit Islam-für-Dummies-Handbüchern in den heiligen Krieg ziehen. Deren Obsession für religiöse Regeln (was ist "halal" und was "haram"?) ginge es, so Charim, weniger um Spiritualität, als um die Etablierung einer Orthodoxie, die die Rückkehr zu einer vollen Identität garantieren soll. Dschihadisten stehen nicht in der Kontinuität eines über Generationen tradierten Islams, sondern entstammen einem Konvertitenmilieu: "Mit einer ganz modernen, ja mit einer ganz säkularen Geste katapultieren sie sich ins 7. Jahrhundert – und verwandeln die Religion damit in ihr Gegenteil: in eine selbstgewählte Identität. Und genau darin bleiben sie von der Pluralisierung geprägt. Es ist die Abwehr der Pluralisierung, die besonders strikte Bindungen, besonders abgeschottete Gemeinschaften mit scharfen Abgrenzungen nach außen erzeugt."

Intellektuelles Vergnügen

Charim entwickelt ihre Analysen sowohl an konkreten Beispielen – ihre Ausführungen zum Volks-Rock-'n'-Roller Andreas Gabalier oder zum Kopftuchstreit sind ein intellektuelles Vergnügen –, als auch innerhalb eines historischen theoretischen Rahmens, der Charim eine Systematisierung ihrer Beobachtungen an den Schauplätzen Religion, Politik und Kultur ermöglicht, ohne eine neue Supertheorie zu generieren, die alles und jeden erklären soll.

Die Autorin ist bescheiden nicht in ihren Ambitionen, aber in ihrem Auftreten. Sie hat eine brillante Analyse vorgelegt, die es aber sichtlich nicht darauf anlegt, als brillant wahrgenommen zu werden. Abgesehen vom stellenweise etwas exzessiven Einsatz des Verbs "einschreiben" und der einmaligen, in linker Theorie seit Jahrzehnten unvermeidlichen falschen Mehrzahlbildung von "Praxis" ("Praxen" statt "Praktiken") ist Ich und die Anderen unüblich jargonbefreit. Mit durchschnittlich 2,4 Fußnoten pro Seite hält die Verweisdichte mittleres Niveau, verkommt aber nie zum Selbstzweck, sondern macht Lust darauf, andernorts weiterzulesen.

Teilbare und unteilbare Konflikte

Man wird in dieser Saison kaum ein Buch finden, in dem die so breit diskutierten und getretenen Phänomene wie Fundamentalismus und Populismus auf so knappem Raum so klug und klar erfasst werden. Beispielsweise werden Politiker vom Schlage eines Jörg Haider oder Donald Trump dem Typus des Exzentrikers zugeordnet, der stellvertretend für seine Anhängerschaft ein Leben lebt, das diese nicht führen können. Der unverhohlen dargestellte Genuss speist sich aus Tabubrüchen und Grenzüberschreitungen; Kritik daran wird immunisiert und als "Tugendterrorismus" denunziert. Der enthemmte Affekt ist also "erlaubt, weil er verboten ist – das ist die Logik der rechten Sprachpolitik. Ebenso wie ihrer Emotionspolitik."

Charim beschränkt ihre analytische Anstrengung aber keineswegs auf den Rechtspopulismus, sondern nimmt auch linke Positionen und Argumentationsmuster kritisch unter die Lupe. Die in relativ überschaubaren, abgeschotteten Milieus und weit weniger in Europa als in den USA heiß drehende und in einen Opfer-Narzissmus kippende Political Correctness wird von ihr "als eine linke Abwehr der Pluralisierung" begriffen. Die Konsequenz, die viele liberale und linke Kritiker dieser Entwicklung ziehen – Schluss mit der Identitätspolitik, zurück zum Klassenkampf – wird allerdings als Trugschluss entlarvt. Ebenso wenig wie durch rationale Aufklärung (Vernunft statt Emotionen) lasse sich der Rechtspopulismus dadurch bekämpfen, dass man ihn durch einen schlichten Vorzeichenwechsel gleichsam auf links dreht.

Realer Diskussionsraum

Charim greift auf die Unterscheidung in "teilbare und unteilbare Konflikte" zurück, die vom US-Soziologen Albert O. Hirschman stammt. Teilbare Konflikte sind verhandelbar und kompromissfähig und können etwa auch in Geld abgegolten werden. Für unteilbare hingegen gilt das nicht, und genau in dieser Einsicht besteht das, was Charim die "populistische Lektion" nennt: "Der Populismus zielt genau auf das Unteilbare – auf das vergessene Unteilbare, auf jenes Unteilbare, das heute im Zentrum des Politischen steht: auf die Identität. (…) Der Erfolg der populistischen Bewegungen zeigt also an, dass grundlegende gesellschaftliche Probleme im Bereich des Unteilbaren angesiedelt sind. Und daraus folgt, dass diese nicht durch teilbare Lösungen zu bewältigen sind. Transferleistungen lösen Identitätskonflikte nicht."

Das kurze Schlusskapitel in Olga Flors Politik der Emotion trägt die Überschrift "Was nun?" und enthält einen schlichten, aber durchaus nicht selbstverständlichen Vorschlag: "[R]ealer, offener Raum für gemeinsame Diskussionen und politische Auseinandersetzungen müssen eingefordert und, vor allem auch: genutzt werden." Von zentraler Bedeutung ist das unscheinbare Adjektiv "real". Gemeint ist, dass die "fragile Form des Interessensausgleichs", als die Flor Demokratie versteht, nicht bloß im Resonanzraum der Social-Media-Blasen stattfinden kann, der stets nur die eigene Meinung verstärkt, sondern auch auf die tatsächliche, real-physische Begegnungen angewiesen ist.

"Was tun?" ist das Nachwort von Isolde Charim überschrieben, allerdings wird die klassische Frage Lenins als "Fetisch" zurückgewiesen und bleibt dezidiert "unbeantwortet". Stattdessen bietet Charim eine schöne politische Metapher an: jene der Begegnungszone, die sie dem paternalistischen "Gesellschaftskonzept" der Straßenverkehrsordnung mit ihren klar definierten Ge- und Verboten entgegensetzt.

Rücksicht lernen

Die Verkehrsteilnehmer der pluralisierten Gesellschaft "müssen die Prinzipien von Rücksicht, Vorsicht und Gemeinsamkeit tatsächlich verinnerlichen. Die Delegierung an die StVO ist nicht mehr genug. (…) Und wie erreicht man diese wundersame Verwandlung von aggressiven Verkehrsbestien? Nicht durch Regeln – der Verkehr soll sich ja von allein organisieren. Nicht durch Appelle wie: Seien Sie doch bitte rücksichtsvoll! Nein, man erreicht das durch – Deregulierung. Das ist die bewusste, gezielte Herstellung von subjektiver Unsicherheit. Raumplaner sagen das ganz offen. Durch räumliche Gestaltung – wie dem Wegfall von eindeutig zugeordneten Straßenflächen – erzeugt man beim Einzelnen ganz absichtlich das Gefühl Unsicherheit. Denn genau das führt zu verändertem Verhalten. Die Unsicherheit des Einzelnen erzeugt eine sicherere Gesamtsituation."

Eine Metapher wie gesagt, kein politisches Programm, das sich morgen schon umsetzten ließe. Donald Trump in der Begegnungszone? Das Massaker mag man sich gar nicht vorstellen. Elefant im Porzellanladen quasi Kinderfasching dagegen.

Olga Flor: "Politik der Emotion". (In der Reihe: "Unruhe bewahren"). Residenz Verlag, 88 S.,  € 18,-

Isolde Charim: "Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert". Zsolnay Verlag, 224 S., € 22,-