Wir leben als pluralisierte Subjekte in einer pluralisierten Gesellschaft, und es gibt kein Zurück – so lautet, in größtmöglicher Knappheit zusammengefasst, Charims Fazit. Die Pluralisierung und die Position, die unterschiedliche gesellschaftliche, religiöse, ethnische und politische Gruppen zu diesem Prozess einnehmen, ist die alles entscheidende Demarkationslinie, entlang der sich die entscheidenden Auseinandersetzungen der Gegenwart abspielen.   

Charims Befund richtet sich aber nicht nur gegen alle konservativen, nationalistischen bis rechtsextremen Versuche, eine (ohnedies stets fiktive) homogene Gesellschaft zu "retten", indem alles, was ihr angeblich wesensmäßig widerspricht als fremd bekämpft und ausgesondert wird; er richtet sich nicht nur gegen Samuel Huntingtons These vom "Kampf der Kulturen", sondern auch gegen die Aufrufe von links, sich doch bitte der alten Werte zu besinnen und endlich wieder Umverteilungs-, statt bloß Identitätspolitik zu machen.

Defizienz ertragen

Gewaschen mit allen Theoriewässerchen von Louis Althusser bis Slavoj Žižek (den sie übersetzt hat, aber auch kritisiert), ist Charim Althusserianerin genug, um zu wissen: "Die Stunde der letzten Instanz schlägt nie." Die orthodoxe Dichotomie von Basis und Überbau, der zufolge die Ökonomie den Takt vorgibt, an den sich alles andere zu halten hat, ist nicht mehr zu retten. "It's culture, stupid!", zitiert sie zustimmend den deutschen Soziologen Andreas Reckwitz, auch wenn sie dessen Konzept der Hyperkultur in einem entscheidenden Punkt widerspricht.

Pluralisierung, und das ist der springende Punkt bei Charim, bedeutet nicht einfach nur ein erweitertes Angebot an Lebensstilen oder Überzeugungen, sondern hat notwendig zur Folge, dass die Identitäten "prekär" werden. Das Mehr geht also mit einem Weniger einher, weswegen Charim auch, durchaus zustimmend, die Existenz eines "Weniger-Ich" postuliert. Diesen Umstand der Defizienz zu ertragen und, wenn man will, politisch zu verwalten, sei die Aufgabe aller, die sich den Versuchen der Rechten, zum Essentialismus voller Identitäten zurückzukehren, nicht anschließen wollen: "[G]enau das ist es, was uns verändert: die Erfahrung, dass unsere eigene Identität immer nur eine Option unter anderen ist. (…) Heute spürt oder ahnt zumindest jeder, dass er selber nur eine Möglichkeit neben anderen ist. Dass seine Identität nicht beanspruchen kann, 'normal' zu sein."

Die aggressivsten gesellschaftlichen, religiösen und politischen Strömungen der Gegenwart sind nichts anderes als Versuche, dieses Faktum zu ignorieren. Der Umstand, dass Pluralisierung unhintergehbar ist, bedeutet freilich nicht, dass auch etwaige Liberalisierungsgewinne auf Dauer gestellt wären. Gerade die Pluralisierung befeuert nämlich auch Tendenzen, sich für Unmündigkeit und Unterwerfung zu entscheiden, wie das die jungen IS-Kämpfer tun, die mit Islam-für-Dummies-Handbüchern in den heiligen Krieg ziehen. Deren Obsession für religiöse Regeln (was ist "halal" und was "haram"?) ginge es, so Charim, weniger um Spiritualität, als um die Etablierung einer Orthodoxie, die die Rückkehr zu einer vollen Identität garantieren soll. Dschihadisten stehen nicht in der Kontinuität eines über Generationen tradierten Islams, sondern entstammen einem Konvertitenmilieu: "Mit einer ganz modernen, ja mit einer ganz säkularen Geste katapultieren sie sich ins 7. Jahrhundert – und verwandeln die Religion damit in ihr Gegenteil: in eine selbstgewählte Identität. Und genau darin bleiben sie von der Pluralisierung geprägt. Es ist die Abwehr der Pluralisierung, die besonders strikte Bindungen, besonders abgeschottete Gemeinschaften mit scharfen Abgrenzungen nach außen erzeugt."

Intellektuelles Vergnügen

Charim entwickelt ihre Analysen sowohl an konkreten Beispielen – ihre Ausführungen zum Volks-Rock-'n'-Roller Andreas Gabalier oder zum Kopftuchstreit sind ein intellektuelles Vergnügen –, als auch innerhalb eines historischen theoretischen Rahmens, der Charim eine Systematisierung ihrer Beobachtungen an den Schauplätzen Religion, Politik und Kultur ermöglicht, ohne eine neue Supertheorie zu generieren, die alles und jeden erklären soll.

Die Autorin ist bescheiden nicht in ihren Ambitionen, aber in ihrem Auftreten. Sie hat eine brillante Analyse vorgelegt, die es aber sichtlich nicht darauf anlegt, als brillant wahrgenommen zu werden. Abgesehen vom stellenweise etwas exzessiven Einsatz des Verbs "einschreiben" und der einmaligen, in linker Theorie seit Jahrzehnten unvermeidlichen falschen Mehrzahlbildung von "Praxis" ("Praxen" statt "Praktiken") ist Ich und die Anderen unüblich jargonbefreit. Mit durchschnittlich 2,4 Fußnoten pro Seite hält die Verweisdichte mittleres Niveau, verkommt aber nie zum Selbstzweck, sondern macht Lust darauf, andernorts weiterzulesen.