Wir wissen viel zu wenig über China – deshalb befasst sich ZEIT ONLINE in einem Schwerpunkt mit dem Land. Zuletzt erzählte unser Autor Caspar Shaller, wie es war, in China aufzuwachsen

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Aus den Erinnerungen an das Jahr 2017, einer an denkwürdigen Geschehnissen gewiss nicht armen Zeitspanne, leuchtet ein Foto besonders grell hervor: Es zeigt die beiden Enkelkinder des amerikanischen Präsidenten, wie sie, eingerahmt von ihren Eltern Ivanka Trump und Jared Kushner, auf Chinesisch ein Lied für Chinas Staatspräsidenten vortragen. Joseph lehnt sich noch etwas unsicher ans Bein seines Vaters, doch die fünfjährige Arabella ist an diesem Apriltag schon ganz in ihrem Element. Kurz zuvor hatte sie den Staatspräsidenten bereits in ihrem adretten Kinderchinesisch mit "Großvater Xi" begrüßt.

Wir befinden uns im Empfangsraum von Donald Trumps Privatresidenz in Florida, mit Goldtäfelung, cremefarbenem Sofa und gedrehten Säulen, und all das wirkt so höfisch, als befänden wir uns gar nicht mehr auf dem Boden der ältesten Demokratie des Westens. Zwar zeigt der amerikanische Präsident mit dem orange-blonden Haar am linken Rand des Fotos lächelnd Präsenz, doch in der Bildmitte steht er diesmal nicht – da befindet sich Xi Jinpings Ehefrau Peng Liyuan, neben ihrem Gatten, der huldvoll lächelnd auf die Kinder blickt. Dem einen oder anderen Beobachter mag in diesem Augenblick ein Schauer über den Rücken gelaufen sein, scheint diese Szene doch einen geopolitischen Gezeitenwechsel zu verkörpern: In Mar-a-Lago geht womöglich das westliche Zeitalter zu Ende.

Die atmosphärischen Reizungen der Gegenwart bringen es mit sich, dass Menschen ihre Umgebung mit neuen Augen sehen. Während so mancher eben noch davon überzeugt war, dass es in einem Zeitalter geprägt von ständiger "Gegenwartsverbreiterung" (Hans Ulrich Gumbrecht) immer weniger Zukunft gebe, wirkt diese Idee nach gut achtzehn Monaten Trumpismus beinahe naiv: Zukunft gibt es, nur wird sie plötzlich anderswo gemacht, im Handumdrehen und ja, vielleicht gerade in China: Freihandel, ökologische Revolution, künstliche Intelligenz, Weltraumforschung, Hypermoderne. Was einmal "an den Rändern" lag, drängt heute mit unheimlicher Energie in ein leer geräumtes Zentrum. Nur, was bedeutet dieses heraufziehende, multipolare Mächtekonzert kulturell? Was wird sich in den globalen Seelenräumen verändern? Wer sich Arabellas chinesisches Lied (das übrigens Jasmin hieß) zu Herzen nimmt, sollte auch einmal darüber nachdenken, was sich mit dem Anbruch des chinesischen Zeitalters in der globalen Literatur so alles ändern könnte.

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So viel ist über China geschrieben worden, dass sogar die Rede von der Schwierigkeit des Schreibens über China längst eine abgegriffene Münze ist. Der Wunsch, China zu verstehen, führt oft zielsicher in die Irre: China als das radikal Andere; als "Anti-Europa" (Leibniz); als unberührter, mehrmals weichgezeichneter Sehnsuchtsort. Wer beim Wort "China" noch immer an die fingierte, chinesische Enzyklopädie von Jorge Luis Borges denken muss, zeigt damit nur, dass er das Fremde noch gar nicht in den Blick bekommen hat. Und wer kennt in unserer euroatlantischen Welt überhaupt chinesische Namen wie Du Fu, Su Dongpo, Cao Xueqin, Mao Dun oder Zhang Ailing? Wo anfangen bei so viel Blindheit?!

Tatsache ist: Zeitgenössische, chinesischsprachige Literatur ist vielgestaltig wie ein schillerndes Fabelwesen und behauptet sich immer erfolgreicher auf dem globalen Literaturmarkt, nicht zuletzt weil sie irgendwie diese 1.379 Milliarden Menschen (hypernervös, erfolgshungrig, abgehärtet) am Rande der Welt repräsentieren muss. In diesen Zeiten des historischen Übergangs steht vieles zur Revision, nicht zuletzt die Behauptung, Literatur aus China, Hongkong, Taiwan oder Malaysia sei für immer zu einer Nischenexistenz verdammt, gefangen im sogenannten "China-Käfig" (Eva Lüdi Kong); dass dieser Käfig schon halb zerschossen ist, zeigt eine gefühlt-nur-ein-paar-Stunden-alte Nachricht von Ende März: Amazon plant offenbar, für eine Milliarde US-Dollar die Rechte für die Trisolaris-Serie des chinesischen SF-Autoren Liu Cixin zu erwerben, um daraus eine Nachfolgeserie zu Game of Thrones zu machen.

John Updike erklärte bei der Lektüre des Nobelpreisträgers Mo Yan trocken, der chinesische Roman habe wohl nie eine "viktorianische Blütezeit" erlebt. Was immer er damit gemeint hat, diese Bemerkung drückt eine Spur Herablassung aus: Als könne sich der amerikanische Schriftsteller nicht vorstellen, wie jemand große Bücher schreibt, ohne von Jane Austen, Charles Dickens oder Henry James gehört zu haben. Interessanterweise erwies Mo Yan in seiner Nobelpreisrede im Jahr 2012 kurz William Faulkner und Gabriel García Márquez Reverenz, die ihn zur Konzeption des Ortes Gaomi, dem Nabelpunkt seines literarischen Werkes, inspiriert hätten. Doch gründlich gelesen habe er beide nicht: Der Einfluss lokaler Erzähltraditionen war offenbar viel entscheidender. Warum sollte ein junger Chinese aber auch literarische Muster übernehmen, die nicht viel mit seiner eigenen Welt zu tun haben?