Die zentrale Figur von Christian Krachts erster Frankfurter Poetikvorlesung war ein toter Geistlicher: Keith Gleed war bis 1980 Kaplan an der Lakefield College School, einem Eliteinternat in Ontario, das beispielsweise auch Prince Andrew, der Bruder von Prince Charles, besuchte. Gleed starb 2001. Im Jahr 2008 reiste der Duke of York nach Lakefield, um Gleed zu Ehren der Schulkapelle ein Taufbecken als Geschenk zu überreichen. Dieser Akt war eine Initialzündung: Mehrere ehemalige Schüler des Internats brachen nach Jahrzehnten ihr Schweigen und bezichtigten den Kaplan des sexuellen Missbrauchs. Christian Kracht, der Ende der Siebzigerjahre das Lakefield College besuchte, erfuhr von den Enthüllungen erst im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein.

Es ist auf beklemmende Weise still im Audimax der Frankfurter Goethe-Universität, als Kracht sein Erlebnis mit Keith Gleed in dessen Holzhütte schildert: Wie der Kaplan ihn, den seinerzeit Zwölfjährigen, der ob seiner hohen Stimme und des zarten blonden Haars im Internat den Spitznamen "Heidi" verpasst bekommen hat, dazu zwingt, sich auszuziehen und sich über das Sofa zu beugen. Wie Gleed ihm mit dem Ledergürtel ein Dutzend Hiebe auf den nackten Hintern verpasst und sich währenddessen, wie zu vermuten ist, selbst befriedigt. Und: "Vierzig Jahre lang dachte ich, ich hätte mir dieses Szenario nur ausgedacht." Es war abgesunken in die Tiefenschichten des Erlebens. Seine Eltern, denen Kracht seinerzeit davon berichtet hatte, schrieben die Erzählung seiner ausschweifenden Fantasie zu.

Die Beschreibung dieses Erlebnisses markiert den Moment, in dem Krachts Sprechen endgültig eine Dringlichkeit bekam, die man so vielleicht nicht hätte erwarten können. Es wurde vorab gerätselt, was Christian Kracht, dessen Schreiben und Existenz schwer in Worte zu fassen sind, als Frankfurter Poetikdozent inszenieren würde. Die Antwort lautet: gar nichts. Kracht, dessen Schüchternheit offensichtlich keine Attitüde ist, bekannte gleich zu Beginn, wie sehr es ihm vor dieser Vorlesungsreihe graue: "Ich habe eine tiefe Angst, hier zu Ihnen zu sprechen", denn: "Im Verborgenen schreibe ich wie ein Genie, doch ich spreche wie ein autistischer Säugling." Konnte das noch als halbironische Koketterie abgetan werden, so lässt das, was Kracht folgen ließ, nur mit dem Wort "bewegend" umschreiben, und zwar vollkommen unabhängig davon, wie man die literarische Qualität seiner Romane beurteilt: Kracht zeigte die Entstehung eines Werks und einer Lebenshaltung aus der sozialen Dysfunktionalität. Er charakterisierte sein Schreiben als eine Suche nach der blitzhaften Erkenntnis im Sinne von Walter Benjamin, demzufolge der Text selbst dann nur ein "langnachrollender Donner" sei.

Die Beziehungsunfähigkeit seiner Charaktere

In frappierender Unverstelltheit verknüpfte Kracht sein Werk mit der biografischen Internatserfahrung. Keith Gleed hat einen namentlichen Auftritt im Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten"; viel entscheidender aber, so Kracht, sei für das Verständnis seiner Figuren der "männliche Körperpanzer", wie Klaus Theweleit es formuliert hat, mit dem sie sich umgeben. Alle seine Figuren, so Kracht, teilten sich eine "ausschweifende Unbarmherzigkeit" und eine Härte, "die mir den widersinnigen Vorwurf eingetragen haben, ich sei ein Faschist." Sein Unwille, ja sein Unvermögen, adäquate Frauenfiguren in seine Bücher hineinzubringen, sei ein Resultat der Unfähigkeit seiner Charaktere zu Beziehungen.

"Emigration", das ist der Titel, den der mittlerweile in Kalifornien lebende Kracht seinen insgesamt drei Vorlesungen gegeben hat. "Meine Emigration", sagt Kracht, "ist der Wunsch, der Sprache Adolf Eichmanns aus dem Weg zu gehen." Und: "Ich möchte den Klang der deutschen Sprache nur durch die Ferne gefiltert wahrnehmen." Vor allem aber durch einen ästhetischen Filter, durch die Literatur. Ransmayr, Celan, Jünger, Schlingensief, Fichte und, ja, Alice Schwarzer nennt Kracht als seine Referenzgrößen. Vor allem aber die amerikanischen Fernsehserien der 1970er Jahre, mit denen er "meine eigentliche Éducation sentimentale erlebte". Denn nach dem Erlebnis in der Holzhütte von Keith Gleed weigerte Kracht sich, weiterhin in die Schule zu gehen. Er simulierte den Kranken und kleidete sein Zimmer mit Alufolie aus. Ein junger Lehrer gestattete ihm, tagsüber in seinem Zimmer Serien auf dem Schwarz-Weiß-Fernseher zu schauen – Bezaubernde Jeannie, Bonanza, Loveboat, Flipper, Lassie – und Kracht war überwältigt: "Es war dieser tiefe Glaube an die Populärkultur als identitätsstiftendes Moment."

Christian Kracht als Poetikdozent. Der Mann, der bei seinen raren Lesungsauftritten geradezu panisch darauf bedacht ist, dass ihm kein Zuhörer eine Frage stellen darf. Und der nun mit sich und seiner leisen Stimme und in einem stockenden Ton einen riesengroßen Raum für sich einnimmt. Der keine Lust mehr hat auf den "Popliteraturschmäh" und den "aufgeblähten Dandyunsinn", der über ihn geschrieben wird. Der klarstellt, was es heißt "Schriftsteller zu sein und zugleich Angst zu haben vor dem, was das bedeutet." Für so verblüffende wie erhellende Auftritte wie diesen wurde eine Institution wie die Poetikvorlesung erfunden.