Im Juni findet in Frankfurt am Main das Festival LiteraTurm statt. Es steht unter dem Motto Biografie. Der Aspekt des Biografischen, die Autofiktion, hat in jüngster Zeit in der Literatur einen noch vor 20 Jahren nicht für möglich gehaltenen Aufschwung erlebt; man denke an das Schreibprojekt von Karl Ove Knausgård oder, eine Nummer kleiner, an den Ortsumgehung-Zyklus des Wetterauers Andreas Maier. Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig, bis vor wenigen Jahren selbst eine der wichtigsten Literaturkritikerinnen des Landes, formulierte die Schwierigkeiten, die ihre eigene, mit den Poststrukturalisten herangewachsene Generation mit dem biografischen Schreib- und Deutungsansatz hatte: "Wir waren gegen die großen Heldengeschichten immun."

Eine der traditionsreichsten Einrichtungen im kulturellen Leben der Stadt Frankfurt ist die Poetikvorlesung an der Goethe-Universität. Seit Ingeborg Bachmann (über die, der Zufall will es, Ina Hartwig kürzlich eine Biografie veröffentlichte) im Jahr 1959 die erste Frankfurter Poetikvorlesung hielt, ist diese zu einem Treffpunkt aus ergrauten Bildungsbürgern und Studierenden geworden. Der Ansatz, dass eine Autorin oder ein Autor öffentlich über das eigene Schreiben spricht und sich dabei, quasi naturgemäß aus dem Augenblick der Performanz heraus, in ein Verhältnis zu ihrer oder seiner Biografie setzt, ist also bereits seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten von der Literaturwissenschaft als unzeitgemäß kategorisiert worden. Der Autor ist tot, es lebe der Text. Ein Selbstwiderspruch also: Ein Schriftsteller zelebriert an einem Ort der Wissenschaften ein unwissenschaftliches Ritual – nämlich das eigene Werk in den Kontext des eigenen Lebens zu setzen.

Dann wurde irgendwann im vergangenen Herbst bekannt, dass Christian Kracht im Sommersemester 2018 die Poetikvorlesung halten würde. Manche hielten das für einen guten Witz: Der wohl am schwersten greifbare aller deutschsprachigen Gegenwartsautoren, der Autofiktion so unverdächtig wie sonst keiner; das Stil- und Stoffchamäleon, das in seiner buchstäblichen Unbeschreibbarkeit mit Begriffen wie "Snob", "Dandy" oder gleich, der Einfachheit halber, "Faschist" umstellt worden war, sollte öffentlich über sein Schreiben und dessen ästhetische Grundlagen sprechen? Jener schüchterne Mann, der sich während seiner raren öffentlichen Auftritte dem Kontakt mit dem Publikum stets verweigert hat? Es wurde gemutmaßt: Er kommt bestimmt nicht. Oder: Er kommt, stellt sich vor die knapp 1.500 Zuhörer und schweigt lächelnd.

Eine klassische Sensation

Und was geschah? Kracht kam, eingepackt in ein Klischee, die dunkelgrüne Barbourjacke, und er sprach auf eine Art und Weise, die alle überraschte, die im Audimax der Goethe-Uni waren: leise, eindringlich, stockend und – anscheinend – in einer Offenheit, wie nicht nur er, sondern auch kaum ein Schriftsteller überhaupt vor ihm an dieser Stelle sie bislang gewagt hat. Über die Demütigungen, die er als Zwölfjähriger auf einem kanadischen Eliteinternat erlitten hat. Über den Missbrauch, den er und etwa 30 andere Mitschüler durch den Kaplan des Internats, einen Mann namens Keith Gleed, erlitten haben. Über den Selbsttötungsversuch seiner Mutter (in der zweiten Vorlesung). Und, in der dritten und letzten Vorlesung am Abend des 22. Mais, über sein Verhältnis zur Religion. 

Ein klassischer autobiografischer Text, den Kracht immer wieder explizit ins Verhältnis zu seinen Romanen setzte. Im Grunde genommen hat es, und das ist die eigentliche Sensation, seit Langem keine klassischere und konventionellere Poetikvorlesung gegeben als die von Christian Kracht. Und das ist fast schon wieder ein Grund zur Wachsamkeit. Alles, was sich zu ernst nehme, so formulierte es Kracht in der zweiten Vorlesung, sei reif für die Parodie. Das gelte im Übrigen auch für die Poetikvorlesung selbst.

Der Weg, den Kracht seinen Zuhörern angeboten hat; die direkte Verbindungslinie von traumatischer Erfahrung und Kunstwerk, ist so verlockend wie trügerisch. Auch in der dritten Vorlesung, die fragmentarisch, sentenzenhaft und kalkuliert erratisch wirkte, kam Kracht noch einmal auf den unheilvollen Kaplan Keith Gleed zu sprechen, um direkt anschließend eine lange Passage aus seinem 2016 erschienenen Roman Die Toten vorzulesen. Zuvor allerdings hatte Kracht über Sofia Coppolas Marie Antoinette-Film aus dem Jahr 2006 gesprochen, in dem in einer Kameraeinstellung, die historisch bestrumpfte Beine zeigt, plötzlich ein Paar Converse-Turnschuhe zu sehen sind. 

Vom Biografischen zurück in die Literatur

Die Realitätsebene, in der wir uns befinden, bleibt auch bei Kracht stets uneindeutig. Die erste, natürliche und empathische Reaktion auf die tatsächlich in Inhalt und Form bewegende Offenlegung seiner Missbrauchserfahrung: Hinter diese Erzählung kann Christian Kracht nicht mehr zurück. Sie muss und wird zukünftig sein Werk und seine Rezeption bestimmen, gerade weil er selbst diese Fährte so dezidiert gelegt hat.

Aber stimmt das? Kracht beschloss seine Poetikvorlesung mit einer Reihe von Gedichten des 1997 verstorbenen Allen Ginsberg. Seinetwegen, so Kracht, und wegen Maine und Kalifornien, lebe er heute in den USA. Seine Vorlesung trug den Titel Emigration. Es hatte den Anschein, als sei die lange Rezitation am Ende ein Signal dafür gewesen, das Biografische zurück ins Literarische zu führen; in ein Gebiet, in dem die Realitäten verschwimmen und es keine eindeutigen Wahrheiten gibt.

Vielleicht war Christian Krachts Poetikvorlesung, so paradox es klingen mag, tatsächlich ein Meisterstück: Seine sich selbst und seinem Werk gegenüber vermeintlich rücksichtslose Offenbarung verschafft seinen Lesern nur oberflächlich betrachtet mehr Klarheit, ihm selbst aber den Raum, als Schriftsteller frei zu bleiben.