Kann denn Frausein Sünde sein? Ja, sagt Connie Palmen – wenn die Frau sich nicht an die Regeln hält. Die niederländische Philosophin und Literaturwissenschaftlerin hat ein auffallend schmales Buch über vier außergewöhnliche Frauen geschrieben. Auf knapp 90 Seiten rauscht sie durch die Biografien von Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith. Macht abzüglich Vorwort rund 20 Seiten pro Person. Man könnte Palmen vorwerfen, dass sie es sich allzu einfach macht, tatsächlich ist die Knappheit Ausdruck von Bescheidenheit und eine angenehme Konzentration auf das Wesentliche. Dass Palmen einiges mehr über ihre vier Protagonistinnen weiß, verrät schon das umfangreiche Quellenverzeichnis.

Beeindruckend, wie Palmen vier auf den ersten Blick völlig verschiedene Schicksale zu einer überzeitlichen Erzählung des weiblichen Leids verknüpft. Alle wurden im ersten Quartal des 20. Jahrhunderts in den USA geboren, also einige Zeit, bevor es ein Pussy Grabber zum Präsidenten brachte. Aufgewachsen sind sie ganz ohne oder mit einem psychisch abwesenden Vater und einer, neutral formuliert, verhaltensauffälligen Mutter. Berühmtwerden sahen sie als Möglichkeit, sich von diesen schwierigen Verhältnissen zu emanzipieren. Auch Suchtmittel, allen voran Alkohol, die Monroes Ehemann Arthur Miller als tägliche "kleine Selbstmorde" bezeichnete, spendeten Trost.

Doppelte Entfremdung

Damit nicht genug, jede dieser vier Frauen floh vor sich selbst bis hin zur Ich-Auslöschung. Am offensichtlichsten geschah das durch die Wahl eines neuen Namens. Janes Bowles wurde als Jane Stajer Auer geboren, Patricia Highsmith als Mary Patricia Plangman. Aus Norma Jean Baker wurde das berühmteste Doppel-M der Welt und Marguerite Donnadieu änderte ihren Nachnamen zu Duras, in Erinnerung an den Ort, an dem ihr Vater starb.

Passend zu diesem neuen Namen erschufen die vier sich selbst als Kunstfigur. Allen voran Monroe, die mit tiefer Stimme sprach, sich den perfekten Hüftschwung durch das Tragen unterschiedlich hoher Absätze aneignete und deren komplette Verwandlung gegen Ende ihres Lebens hin fünf Stunden in Anspruch nahm. Außerdem war sie, was viele nicht wissen werden, am Kiefer und der Nasenspitze operiert. Bei den drei anderen waren die Veränderungen eher innerer Natur, insbesondere bei Highsmith, die sich mehr und mehr ihren psychopathischen Romanfiguren vom Schlag eines talentierten Mr. Ripley anglich.

All dies führte zu einer doppelten Entfremdung: der von sich selbst und der von Nahestehenden, bevorzugt Liebespartnern. Sowohl Monroe als auch Duras warfen ihren Männern vor, nicht sie, sondern eine Illusion zu begehren. Die lesbisch lebenden Highsmith und Bowles hatten kaum mehr Glück mit ihrem noch dazu gesellschaftlich stigmatisierten Liebesleben. Aber, und das macht Palmens Buch so bezwingend, diese Selbstentfremdung passierte den Frauen nicht, sondern war gewollt. Einerseits aus dem Eindruck heraus, Buße tun zu müssen, wobei sich Palmen hier in mystisch-religiöse Motive versteigt, die nicht so recht zu ihren Protagonistinnen passen wollen. Gott als "berühmtester abwesender Vater der Literatur"? Nun ja. Andererseits schlichtweg, um die Welt ertragen zu können, die eine männlich dominierte ist.

Kein Platz für weibliche Genies

Palmens Argumentation geht so: Frauen, die gesellschaftliche Erwartungen unterlaufen, die Regeln brechen, maßlos sind, sich dem Rausch hingeben, die weder Mutter sein wollen noch schmückendes Beiwerk, sondern Künstlerin, werden dafür bestraft, notfalls, indem sie sich selbst abschaffen. Im Alter von 36 Jahren verstarb das größte Sexsymbol der jüngsten Geschichte an einer Überdosis Schlaftabletten, denn so Palmen: "Niemand konnte Marilyn Monroe von Marilyn Monroe befreien, und deshalb tat sie es selbst." Duras trank zeitweilig fünf Liter Whisky, Likör und Wein am Tag, bei gleichzeitiger Einnahme von Psychopharmaka, was zu Psychosen und Hirnblutungen führte. In Interviews sehnte die Schriftstellerin ihren eigenen, gewaltsamen Tod herbei: "Ich kenne es, das Verlangen, getötet zu werden. Ich weiß, dass es das gibt."

Die nicht ganz so prominente Jane Bowles erlitt mit 41 einen Schlaganfall als Folge ihrer jahrzehntelangen Alkoholabhängigkeit, der sie praktisch beinahe blind und stumm zurückließ. Highsmith wiederum war schon mit Anfang 20 magersüchtig und ebenfalls schwere Alkoholikerin. All diese größtenteils selbst herbeigeführten Gebrechen hinderten die vier jedoch nicht am Künstlerinnensein. Als Duras aus einem mehrmonatigen Koma erwachte, soll sie als Erstes über ein Buchprojekt gesprochen haben. Monroes größter Ehrgeiz war, sich vom männlichen Blick zu befreien und eine ernsthafte Schauspielerin zu werden. Was diese Frauen zum Überleben brauchten, wurde ihnen in Palmens Lesart zugleich zum Verhängnis. In einer patriarchalen Welt ist kein Platz für weibliche Genies.