"Niemand hat die Absicht, das Flirten zu verbieten." So in etwa lautet die Botschaft der Philosophin und Feministin Carolin Emcke, die sie kürzlich im Gespräch mit dem Journalisten René Aguigah im Deutschlandfunk geäußert hat. Die ZEIT-Journalistin Christina Rietz hält dagegen und stellt fest: "Die Ehre des Flirts ist angekratzt, der Flirt hat Schaden genommen, steht unter Verdacht."

Wer hat nun recht? Ist der Flirt so unschuldig wie noch vor der #MeToo-Debatte? Hat sich sein Status verändert oder sogar prekarisiert? Barbara Nagel ist Professorin am Deutschen Seminar der Princeton University und schreibt gerade ein Buch über die Kulturgeschichte des Flirts. Darin kommt die Literaturwissenschaftlerin zu einem differenzierten Urteil. Nagel geht davon aus, dass der Flirt als Kulturpraxis seine Hochzeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts und am Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte. Nun befinde er sich tatsächlich im Niedergang. Das liege aber nicht so sehr an den Folgen von #MeToo oder am Aufschrei wütender Feministinnen, sondern vor allem am technologischen Wandel und an den Regularien einer übereifrigen Bürokratie.

Barbara Nagel ist Professorin am Deutschen Seminar der Princeton University, USA. Sie hat an der Freien Universität Literaturwissenschaft studiert und wurde an der New York University, USA, promoviert. Aktuell schreibt sie ein Buch zur Kulturgeschichte des Flirts. © Annette Hornischer/American Academy Berlin

Als Stipendiatin der American Academy in Berlin stellte Barbara Nagel ihre Arbeit dort kürzlich in einem Vortrag vor. Die meisten Publikumsfragen bezogen sich natürlich auf #MeToo. "Das hat mich nicht weiter überrascht", sagt sie. "Schließlich wollen viele nun wissen, wo die Grenzen zwischen Flirt und sexueller Belästigung verlaufen." 

Um diese Frage zu klären und die kommunikative Funktion des Flirts zu bestimmen, hat Nagel die Literatur des deutschen Realismus analysiert, vor allem Szenen, die den Terror und die Verunsicherung beschreiben, die Männer in Flirtsituationen erleben. Neurologisch ist die Wirkung eines Flirts mit derjenigen eines Hirnschadens vergleichbar, wollen Wissenschaftler herausgefunden haben. Nagel, die aus Deutschland stammt, aber an der New York University in deutscher Literaturwissenschaft promovierte, hat für ihre Analysen Texte von Theodor Storm, Gottfried Keller und Theodor Fontane gelesen, außerdem die späten theoretischen Reflexionen über den Flirt von Georg Simmel, Walter Benjamin und Ernst Bloch.  

Ein Kapitel ihres Buchprojekts untersucht die Verfahrensweisen passiver Aggression im Briefwechsel zwischen Theodor Fontane und seiner Frau Emilie. Auch aus den Korrespondenzen zwischen Franz Kafka und seinen Verlobten Felice Bauer und Milena Jesenská lassen sich passive Aggressionen herauslesen. Wer kann sich wie viel Mehrdeutigkeit erlauben? Wer antwortet wie schnell? Wer reagiert zuerst? Es ist ein Spiel um Hoheit und Macht, das sich in der mündlichen, aber auch brieflichen Koketterie entwickelt.

Der Verlust von Autorität

Wenn Kafka seine Verlobte Felice Bauer mit diversen Schreiben bombardiert, sie mit weitschweifigen Erklärungenüber sein Gefühlsleben behelligt, sie drängt, ihm schnell zu antworten, dreimal am Tag eine Depesche abschickt und nervend nachhakt, wann er endlich Antwort bekäme, bevor er sich mit Briefen in der Hosentasche in den Park aufmacht, um Pärchen zu beobachten: Ist er noch ein Flirtender oder schon ein Stalker? Ein Liebender oder ein Perverser? "Beim Flirt ist die Machtsituation unbestimmt. Und genau darin liegt die größte Herausforderung", sagt Nagel.

Die übergreifende These von Nagels Überlegungen geht so: Frauen waren im 19. und 20. Jahrhundert zwar gesellschaftlich unterprivilegiert, aber in Flirtsituationen hatten sie die Möglichkeit, einen Augenblick lang den Spieß umzudrehen, den Mann zu irritieren und sich die Verunsicherung als Machtinstrument zunutze zu machen. "Für die meisten ist nichts beängstigender als der Verlust von Autorität", sagt Nagel. Der Flirt produziere eine Grenzsituation, bei der keiner der Beteiligten mit Sicherheit wisse, welche Intentionen der andere – oder gar man selbst – verfolge. Sobald es zu Eindeutigem kommt, ist der Flirt schon vorbei: wenn er etwa in körperlichen Kontakt oder in ausgesprochenes Desinteresse mündet.

Im 19. Jahrhundert hatten Frauen laut Nagel die Macht, solche irritierenden Situationen auf die Spitze zu treiben. Das sei durchaus mit emanzipatorischer Selbstermächtigung vergleichbar, sagt sie. "Adorno liest diese passive Aggression im Sinne der Herr-Knecht-Konstellation. Wie bei Hegel hat der Knecht einen paradoxen Vorteil. Er gewinnt diesen Vorsprung in kleinen Rebellionen, in kleinen Gesten."

Als Beispiel für den Machtgebrauch einer sozial eigentlich unterlegenen Person nennt die Literaturwissenschaftlerin die Frauenfigur der Züs Bünzlin bei Gottfried Keller. In der Novelle Die drei gerechten Kammacher aus dem Jahr 1856 heißt es: "Züs Bünzlin sah sich von einem ganzen Hof verständiger und ehrbarer Kammacher umgeben. Das gefiel ihr ausnehmend wohl; noch nie hatte sie mehrere Verehrer auf einmal besessen, weshalb es eine neue Geistesübung für sie ward, diese drei mit der größten Klugheit und Unparteilichkeit zu behandeln und im Zaume zu halten und sie so lange mit wunderbaren Reden zur Entsagung und Uneigennützigkeit aufzumuntern, bis der Himmel über das Unabänderliche etwas entschiede."

"Wo sonst soll man also flirten, wenn nicht bei der Arbeit?"

Die Unsicherheit darüber, wie viel Flirt in einer Interaktion steckt und wozu sie, wenn sie denn ein Flirt ist, führen soll, ist oft schwer zu ertragen. In unsere Zeit scheint sie nicht mehr zu passen. Das könnte mit den vielen Ambiguitäten zu tun haben, denen wir im spätmodernen Alltag sowieso ausgesetzt sind, und auch mit den Anforderungen der Bürokratie und des modernen Arbeitslebens. Nagel geht deshalb davon aus, dass der Flirt eine historische Diskursform war, die heute im Verschwinden begriffen ist. Zwei Gründe nennt sie. Erstens näherten sich heute viele Menschen dem Flirt rein teleologisch. "Er muss zwangsläufig zu Sex führen gemäß des Konsumgebots. Dabei schreibt Simmel, der Flirt erinnere in seiner reinsten Form eher an Kants 'Idee des Schönen', an Zweckmäßigkeit ohne Zweck."

Zweitens bedrohten neue Technologien den Flirt: "Ich denke da an neue Dating-Apps wie Tinder oder Grindr. Dort machen wir eine Selektion, die zweifellos zeigt, wen wir interessant finden und wen nicht." Im Gegensatz dazu sei im Flirt nie klar, ob wirklich Interesse bestehe. Und wenn jemand Interesse am anderen feststelle, könne dieses Interesse prinzipiell ganz verschiedener Natur sein. "Vielleicht habe ich etwas Mütterliches an mir? Vielleicht liegt es an meinem Humor?"Die Apps, sagt Nagel, reduzierten die Anziehung allein aufs Sexuelle. "Das ist der Tod des Flirts."

Die Wissenschaftlerin wird noch deutlicher: Wir seien in einer fast tragischen Situation. In der #MeToo-Debatte gehe es ja vor allem um sexuelle Belästigung. Der Flirt werde in diesem Zusammenhang als harmlose Alternative zur sexuellen Belästigung gesehen. Was Unsinn sei. Denn am Flirt sei ja nichts harmlos, am wenigsten seine temporäre Aufhebung von Macht, sagt Nagel.

Und es gebe noch eine zweite, ebenso falsche Lesart des Flirts: "Man setzt Flirt und sexuelle Belästigung einfach gleich, wie das derzeit viele Arbeitgeber tun. Sie finden Wege, das Flirten zu untersagen." Dabei sei der moderne Arbeitsplatz eigentlich die beste Umgebung für Flirtsituationen, findet Nagel. Hier könne er am besten sein kritisches Potenzial entfalten: "Wer Arbeit hat, arbeitet heutzutage ständig. Wo sonst soll man also flirten, wenn nicht bei der Arbeit? Gerade in hierarchisierten Räumen fühlt man sich verführt, zu flirten. Um zu gucken, ob man die Hierarchien, in denen man steckt, ins Wanken bringen kann."

Gelebte Demokratie

Der Flirt als letzte aufrührerische Handlung im Betrieb. Barbara Nagel versteht, warum Feministinnen und Feministen das anders sehen und den Flirt am Arbeitsplatz verbieten wollen. Sie erkennt das Risiko. Trotzdem hält sie die Quasi-Kriminalisierung des Flirts für einen Fehlschluss, der dem emanzipatorischen Projekt letztlich mehr schadet als nützt. Als Beispiel nennt sie US-amerikanische Universitäten: Dort würden Onlinetutorien abgehalten, um den Professorinnen und Professoren zu erklären, wie man den Studierenden in distanzierter Form begegnet. "Schon eine Berührung an der Schulter oder ein zweideutiger Witz stellen potenzielle sexuelle Belästigungen dar." Ironischerweise würden der Körper und die Sprache dadurch unbewusst hypersexualisiert, sagt Nagel. Jetzt begegnen Arbeitgeber potenziellen sexuellen Übergriffen mit einer strikt juristisch orientierten Sicherheitspolitik: "Der Tod des Flirts ist der Kollateralschaden."  

Der Flirt in seiner reinsten Form habe aber nichts Gewalttätiges an sich, versichert Nagel, sondern etwas Spielerisches und Verbindendes. Zumindest, wenn beide Kommunikationspartner jederzeit den Rückzug einläuten könnten, ohne das irgendwie begründen zu müssen. Doch für diese Möglichkeit der Enttäuschungmüssten die Interagierenden sich öffnen: "Und das fällt heutzutage schwer", sagt Nagel. Deswegen könne sie sich auch nicht vorstellen, dass Weinstein oder Trump flirten. Dazu seien derlei Typen viel zu machtbesessen, zu ängstlich und zu kontrollierend.

Die Wissenschaftlerin plädiert deshalb für eine Revitalisierung des Flirts, verstanden in seiner ganzen einschüchternden Ambivalenz, die für Frauen und Männer gleichermaßen gelte und deshalb nicht sexistisch, sondern emanzipatorisch sei. "Die tollsten Flirtszenen haben deshalb immer etwas Queeres an sich. Man denke nur an den Flirt zwischen Penthesilea und Achill bei Kleist", sagt Nagel. "Es ist nicht verwunderlich, dass sich derlei Szenen gerade bei Schriftstellern finden, die selbst homoerotisch orientiert waren. Homosexualität war die längste Zeit dazu verdammt, nur durch Konnotationen kommuniziert zu werden."

Der Flirt funktioniert auf eine ähnliche Art: über Anspielungen, Andeutungen, Zwinkereien. Autoren wie Henry James, Thomas Mann und Jean Genet sind Meister darin und öffnen sich zugleich dem Humor, der Verletzlichkeit und dem Lächerlichen. Wer den Flirt auf diese Weise praktiziert, der übt nicht Machtmissbrauch aus, sondern begibt sich in eine offene, äußerst fragile und angreifbare Position. Eine Position des gleichberechtigten Austauschs. So betrachtet, ist der Flirt eine der demokratischsten Kommunikationsformen unserer Zeit.