1927 ist für die deutsche Literatur ein wichtiges Jahr. Nicht nur Martin Walser und Günter Grass wurden 1927 geboren, sondern auch Ludwig Harig. Der allerdings agierte in den Fünfzigerjahren – anders als Walser und Grass – fernab von der Gruppe 47 und auch in größerer Distanz zum vorherrschenden Literaturbetrieb. Der gebürtige Saarländer begann als Sprachexperimentator. Sein Ohr richtete sich nach Frankreich, hier fand er die spielerischen, offenen Formen, die auch seine Literatur anfangs prägten. Entstanden ist ein vielseitiges Werk – experimentelle Hörspiele, Gedichte, Reiseerzählungen, literarische Collagen und autobiografische Romane. In den Achtzigerjahren Jahren näherte sich Harig wieder traditionelleren Erzählformen an.

Ludwig Harigs literarische Selbsterkundungen, seine Reisen in die Vergangenheit, die Kindheit und Jugend, sind Bildungsromane nach dem klassischen Bildungsroman – kritisch und hoch reflektiert. Dreißig Jahre lang beschäftigte sich Harig als Erzähler mit seinem eigenen Leben: keineswegs als naiver Memoirenschreiber, sondern als gewiefter Fabulier- und Montagekünstler. Von seinem Vater, seiner Familie und der kleinbürgerlichen Herkunft im Saarland erzählte Harig im Roman Ordnung ist das ganze Leben aus dem Jahr 1986; in Weh dem, der aus der Reihe tanzt, 1990 erschienen, standen die Nazizeit, der Hitlerjunge Harig und die Verstrickungen des Jugendlichen in die Ideologie des Dritten Reichs im Mittelpunkt.

Der poetische Sehnsuchtsort

Und schließlich schilderte Harig in Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf, wie er zum Lehrer, vor allem aber zum Schriftsteller wurde. Die letzte seiner autobiografischen Erzählungen, der "wahre Roman" Kalahari, war zum 80. Geburtstag am 18. Juli 2007 herausgekommen. Kalahari ist die Geschichte einer Freundschaft zu dem Franzosen Roland Cazet, den Harig 1949 während seiner Zeit als Student in Lyon kennenlernte. Und dem er Zeit seines Lebens verbunden blieb, an dem er sich intellektuell rieb. Seine eigene Entwicklung als Autor spiegelte sich in dem gleichaltrigen Freund.

Kalahari erzählt anhand von zwei Individuen die Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich nach 1945 und ist zugleich ein Entwicklungsroman. Der Titel beschreibt das Fernweh des Freundes Roland Cazet – und den poetischen Sehnsuchtsort des Icherzählers.

Experimentelle Hörspiele

Harig schildert seine Geschichten in schönen Bögen, weit ausschweifend; fast ein wenig umständlich, umwegig, humorvoll und detailgetreu taucht er ein in seine Milieus und dehnt dabei doch die formalen Begrenztheiten des Bildungsromans. Man spürte zuweilen auch in späteren Büchern noch Harigs Herkunft als Sprachspieler und Experimentator im Geiste der Fünfzigerjahre. Damals ist Harig ein braver Gefolgsmann der Stuttgarter Schule um Max Bense gewesen, und der Philosoph und Theoretiker der Konkreten Poesie soll einmal zu Harig gesagt haben: "Ludwig, lass das Narrative!" Zum Glück hat er nicht darauf gehört. Das Erzählen auch der eigenen Lebenswelt war schon von Anfang an als Möglichkeit der Welterfassung da.

Ludwig Harig ist es zu Anfang darum gegangen, die Wirklichkeit mit geradezu naturwissenschaftlicher Präzision sprachlich zu fassen – und dabei zugleich der herkömmlichen, auch durch die Lingua Tertii Imperii verdorbenen Sprache neue Facetten zu öffnen. Experimentelle Hörspiele entstanden, Harig verwandelte – wie seinerzeit auch Ror Wolf – Fußballspiele zu literarischen Spielereien, er arrangierte eine Collage aus Rousseaus Leben und glaubte früh an die weltschöpferische Macht der Sprache. "Ich bin tatsächlich ganz, ganz tief davon überzeugt, dass nur das, was erzählt wird, vorhanden gewesen ist. Wovon nicht erzählt wird und wovon nicht erzählt werden kann, ist keine Realität."