Zwischen Max Bense und Ludwig Harig entstand eine Freundschaft – und eine intensive Arbeitsbeziehung. In Lesungen und Gesprächen hat man gemeinsam neue Prinzipien des Schreibens entwickelt. Experiment und Konvention aber waren dann für Harig doch nicht gar zu große Gegensätze. Für ihn hat sich beides im Laufe der Jahre stark angenähert.

Mit Hermann Lenz, der ein Meister der autobiografischen Prosa war und den er sehr schätzte, hat Ludwig Harig gemein, minutiös und kunstvoll über das eigene Leben und seine Zeit Rechenschaft abzulegen. "Mein Erzählplan ist ein Lebensplan", heißt es einmal in Kalahari. Das bedeutet zugleich, das Leben als Erzählung zu empfinden. Der Untertitel lautet: "Ein wahrer Roman". Und eines der drei Motti: "Literatur ist immer Erfindung. Alles Erdichtete ist etwas Erdachtes. Wer eine Geschichte wahr nennt, beleidigt Kunst und Wahrheit zugleich."

Die Poetisierung der Existenz

Wie sich die biografische Erfahrung in Literatur wendet, wie Distanz bei gleichzeitiger Nähe hergestellt wird, das kann man in Harigs Büchern immer wieder beobachten: Das Material durchläuft einen Prozess der subjektiven Objektivierung, das eigene Leben wird zu einem erdachten, es scheint wider im Text oder wird "nachgeschaffen", wie es Peter Kurzeck einmal ausgedrückt hat. Diese Poetisierung der eigenen, gespiegelten Existenz fand Harig auch bei einem seiner großen Vorbilder. "Luftschifferei", so nannte er angelehnt an Jean Pauls Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch einmal sein poetisches Verfahren. Die literarische Fantasie erzeugt eine "Aufhebung der Schwerkraft".

Dass das auch mit der Nähe zum Französischen zu tun hat, verwundert nicht: Harig ist im saarländischen Sulzbach geboren. Er studierte am Lehrerbildungsseminar, war "Assistant d'Allemand" am Collège Moderne in Lyon und sog früh die französische Sprache und Literatur auf. Er hat Raymond Queneau übersetzt und dabei freie, offene, spielerische Formen kennengelernt.

Das Haus als literarisches Labor

Harig war kein Autor der Provinz, auch wenn er ihr zeitlebens treu geblieben ist. Zusammen mit seiner Frau lebte er in seinem Geburtsort Sulzbach bei Saarbrücken, unterbrochen von längeren Aufenthalten in Paris, Berlin, Texas und England. Sulzbach war ihm gleichwohl Mittelpunkt der Welt – und das Haus, in dem Harig wohnte, wurde zum literarischen Labor, in dem im Mischen von Lebensmaterial, von persönlicher und literarischer Erinnerung kontinuierlich neue Texte entstanden. 

Der Hanser Verlag hat seinen vielfach ausgezeichneten Autor mit einer Gesamtausgabe geehrt – mit diesen Gesammelten Werken lässt sich so ein reiches Schriftstellerleben, das Aufbruch und Tradition, Formexperiment und Formbewahrung in sich vereinigte, auf wunderbare Weise nachvollziehen. Es ist ein nun abgeschlossenes Werk. Mit 90 Jahren ist der Dichter, Erzähler und Übersetzer in seinem Heimatort Sulzbach gestorben.