Der Anfang geht so: "Jemand postete das Bild eines Hauses." Dann beginnt bereits die Verwirrung: "(Ich) Mama betrachtete es lang." Moment mal, wer spricht hier eigentlich? Und kann man glauben, was da steht? Der dritte Satz ist durchgestrichen; der vierte sagt etwas völlig anderes aus als der durchgestrichene Anfang. An dieser Stelle empfiehlt es sich, das Buch kurz aus der Hand zu legen und tief durchzuatmen. [Anm. d. Red.: Aus technischen Gründen müssen die Durchstreichungen aus dem Buch hier in Klammern dargestellt werden.]

Dass Luise Boege ihren Lesern und Leserinnen gerne als Allererstes den Boden der Tatsachen unter den Füßen wegzieht, dürfte spätestens seit ihrem verschachtelt-verspielten Erzählband Bild von der Lüge bekannt sein. Ihr neues Prosawerk Exorzismus in Polen Die Schönheit der Wüste bildet da keine Ausnahme.

Dabei kommt die Geschichte, die Boege hier im sechsfachen Loop erzählt, auf den ersten Blick recht simpel daher: Die Erzählperson geht durch Leipzig, ruft während ihres Spaziergangs "(Papa) gelöschter Teilnehmer" an, berichtet ihm von einer Radiosendung zum Thema "Exorzismus in Polen", während "gelöschter Teilnehmer" von einem mittäglichen Besuch bei seiner Familie erzählt, und geht wieder nach Hause.

Radikale Brüche

So weit die Fakten, die allerdings kaum mehr als die Fettblasen auf einer schier bodenlosen Wortsuppe bilden. Wie der Titel bereits andeutet, steckt der eigentliche Gehalt in den Auslöschungen, die von Version zu Version mehr Raum einnehmen, an manchen Stellen gar ganze Seiten füllen. Eine ungewöhnliche, herausfordernde Lektüre, die sich ein bisschen anfühlt, als würde man eine Zwiebel umgekehrt häuten. Anstatt Schicht für Schicht abzutragen, um möglicherweise irgendwann eine innere Wahrheit zu enthüllen, wächst der Text mit jeder Wiederholung um einen spärlichen Faktenkern herum ins Ungesagte. Auf diese Weise lesen wir nicht nur sechs verschiedene Geschichten; die Kombinations- und Interpretationsmöglichkeiten fächern sich auf ins Unendliche. "Wir haben gottlob keine Kinder, was nicht stimmte, denn er hatte ja doch welche, wenn auch nicht von Mama...", heißt es beispielsweise über "(Papa) gelöschter Teilnehmer". Wessen Kind aber ist dann das Ich? Oder spielt die Begebenheit vor dessen Geburt? Die "zu dieser Zeit übliche Verwirrtheit junger Leute" suggeriert ein Früher, Donald Trump und die selbstverständliche Nutzung von Smartphones wiederum verweisen ins Jetzt.

Neu ist der radikale Bruch mit Linearität und Kausalität, die Verweigerung in sich geschlossener Identitäten natürlich nicht. Man denke etwa an Julio Cortázars 62/Modellbaukasten oder an so ziemlich jeden Film von David Lynch. Das Schöne an Boeges Baukasten jedoch ist, dass sich die Lektüre keineswegs anfühlt wie ein Exerzitium in postmoderner Erzähltheorie, sondern eher wie ein mit spürbarer Freude erdachtes Detektivspiel, das auf immer neue Fährten lockt, oder eine archäologische Grabung, während der es in jeder Schicht Neues zu entdecken gibt. Fantasie und ein gewisser Wille zur Interaktion sind allerdings gefragt. Liest man den Text als einen tiefenpsychologischen, der Stück für Stück ins Unterbewusste ein- und derselben Erzählfigur vordringt? Oder als psychogeografische Erkundungstour, die immer neue Protagonisten durch ein- und dieselbe Stadtlandschaft führt und dabei je verschiedene Emotionen und Erinnerungen aufruft?

"(An diesem Sonntag Soeben Gestern) Vor vielen Jahren drehte Mama die (desorientierteste) normalste Runde ihres Lebens, wobei sie sich (völlig aufgeschmissenen) so klar wie noch nie vorkam." Dieser Satz, eine Art Refrain, wirbelt erneut die Zeitebenen durcheinander und verweist zugleich auf einen harten Clash zwischen innerpsychischer Verfassung und Außenwirkung. Ceci n’est pas une pipe, René Magrittes berühmtes Verwirrspiel rund um Bezeichnung und Bezeichnetes, stand wohl nicht nur dem zweigeteilten Titel Pate, dessen leserlicher Teil, Die Schönheit der Wüste, im ganzen Text nicht vorkommt.

Die Wirklichkeit fällt immer wieder zusammen

Wüstenmetaphern gibt es allerdings zuhauf. Sie verbinden die Stadt als Erinnerungstopografie direkt mit den Biografien derjeniger, die sie durchwandern: "Mama war fasziniert und betäubt von dem Leipzig, das an gelöschter Teilnehmers Füßen klebte, ein Gestrüpp, eine Wüste, geordnet durch die Logik der Sucht." Sie selbst klammert sich derweil an die geometrischen Formen der letzten Sonnenstrahlen an den Häuserfassaden, die fein säuberliche Trennung in Licht- und Schattenseiten, "die exakte Parallele zwischen der (Könneritz)Straße und dem Weg im Park, die in der Realität keineswegs exakt parallel sind" – wobei die letzte Durchstreichung bereits ihr Bemühen, anhand äußerer Ordnungen eine innere Klarheit herzustellen, als "vorläufige, unzureichende Pose" entlarvt.

Reales und Virtuelles, innere und äußere Zustände legen sich in hauchdünnen Schichten übereinander, nur eben selten deckungsgleich. "Teile der Könneritzstraße, die kurzzeitig zusammengebrochen waren", ermöglichen unvorhergesehene Sprünge zum nächsten Level, "eine Form von Schilderung, die die Schildernde selbst unten zu verflüssigen beginnt, während sie oben noch am Tippen ist", erschließt Übergänge zu einer anderen Welt.

An Cortázars "innere Stadt" mag man hier denken, die im kollektiven Unterbewusstsein seiner Charaktere London, Paris und Wien in sich vereint. Oder aber an ein fehlerhaft programmiertes Computerspiel, in dem sogenannte Glitches den Spielerinnen und Spieler ungeahnte Optionen eröffnen, sich durch die (virtuelle) Landschaft zu bewegen. Allerdings ist auch die "reale" Architektur bei Boege keineswegs standhafter als die Sprache. Wahrnehmung erschafft Realität und lässt sie wieder zusammenfallen, konstruiert Identitäten und verflüssigt sie gleich darauf.

Verdrängen lässt sich viel

Wohltuend, dass Boege derlei Sprachspielereien immer wieder in sinnlicher Erfahrung zu verankern weiß. Exorzismus in Polen Die Schönheit der Wüste ist nämlich, auch wenn es sich hier vielleicht so anhören mag, kein bewusstseinsphilosophisches Traktat, sondern hauptsächlich eine mal melancholische, mal amüsante Betrachtung über Zwischen- und Innermenschliches, gescheiterte Kommunikation und was all der Ballast, den wir seit Kindertagen mit uns schleppen, damit zu schaffen hat. "Parallele Wüstenbewohner" wollen die beiden Sprechpositionen ineinander erkennen, und suchen nicht von ungefähr in der Kaputtheit des jeweils Anderen Halt. Ihre krummen Biografien, auch das steckt in den Auslöschungen, sind geprägt von Alkohol- und Spielsucht, dem Aufwachsen in Ost und West, den andauernden Kämpfen gegen die (verworfenen) Ideologien der Väter, eben von alledem, was im Verborgenen unser Handeln, Denken und Fühlen bestimmt.

Verdrängen lässt sich viel; das Vergessen jedoch findet lediglich an der Benutzeroberfläche statt. Dafür sorgt schon allein das immense Unterbewusstsein des Digitalen, in dem sekündlich unsere Klicks und Swipes verschwinden und zugleich für immer abgespeichert bleiben. Denn auch wenn "Mama" den Teilnehmer, mit dem sie gerade spricht, bereits gelöscht hat, und auch diese Konversation sofort wieder löschen wird, ist sie doch "tief ins System ihrer Cloud gesickert und von dort theoretisch und praktisch wieder hervorziehbar". Ein tröstlicher oder beunruhigender Gedanke?

Version sechs bildet eine Art Klammer, die auf Ausstreichungen und Abschweifungen weitgehend verzichtet. Dann aber verschiebt sich noch einmal etwas: "(Jemand) Mensch" beginnt den siebten Loop, und bricht, kaum begonnen, schon wieder ab. In dieser Fassung, die wir uns auf die leere Seite denken müssen, findet möglicherweise "die Schönheit der Wüste" ihren Weg aufs User-Interface.

Luise Boege: Exorzismus in Polen Die Schönheit der Wüste". Parasitenpresse, Köln. 52 Seiten, 10 Euro.