Wüstenmetaphern gibt es allerdings zuhauf. Sie verbinden die Stadt als Erinnerungstopografie direkt mit den Biografien derjeniger, die sie durchwandern: "Mama war fasziniert und betäubt von dem Leipzig, das an gelöschter Teilnehmers Füßen klebte, ein Gestrüpp, eine Wüste, geordnet durch die Logik der Sucht." Sie selbst klammert sich derweil an die geometrischen Formen der letzten Sonnenstrahlen an den Häuserfassaden, die fein säuberliche Trennung in Licht- und Schattenseiten, "die exakte Parallele zwischen der (Könneritz)Straße und dem Weg im Park, die in der Realität keineswegs exakt parallel sind" – wobei die letzte Durchstreichung bereits ihr Bemühen, anhand äußerer Ordnungen eine innere Klarheit herzustellen, als "vorläufige, unzureichende Pose" entlarvt.

Reales und Virtuelles, innere und äußere Zustände legen sich in hauchdünnen Schichten übereinander, nur eben selten deckungsgleich. "Teile der Könneritzstraße, die kurzzeitig zusammengebrochen waren", ermöglichen unvorhergesehene Sprünge zum nächsten Level, "eine Form von Schilderung, die die Schildernde selbst unten zu verflüssigen beginnt, während sie oben noch am Tippen ist", erschließt Übergänge zu einer anderen Welt.

An Cortázars "innere Stadt" mag man hier denken, die im kollektiven Unterbewusstsein seiner Charaktere London, Paris und Wien in sich vereint. Oder aber an ein fehlerhaft programmiertes Computerspiel, in dem sogenannte Glitches den Spielerinnen und Spieler ungeahnte Optionen eröffnen, sich durch die (virtuelle) Landschaft zu bewegen. Allerdings ist auch die "reale" Architektur bei Boege keineswegs standhafter als die Sprache. Wahrnehmung erschafft Realität und lässt sie wieder zusammenfallen, konstruiert Identitäten und verflüssigt sie gleich darauf.

Verdrängen lässt sich viel

Wohltuend, dass Boege derlei Sprachspielereien immer wieder in sinnlicher Erfahrung zu verankern weiß. Exorzismus in Polen Die Schönheit der Wüste ist nämlich, auch wenn es sich hier vielleicht so anhören mag, kein bewusstseinsphilosophisches Traktat, sondern hauptsächlich eine mal melancholische, mal amüsante Betrachtung über Zwischen- und Innermenschliches, gescheiterte Kommunikation und was all der Ballast, den wir seit Kindertagen mit uns schleppen, damit zu schaffen hat. "Parallele Wüstenbewohner" wollen die beiden Sprechpositionen ineinander erkennen, und suchen nicht von ungefähr in der Kaputtheit des jeweils Anderen Halt. Ihre krummen Biografien, auch das steckt in den Auslöschungen, sind geprägt von Alkohol- und Spielsucht, dem Aufwachsen in Ost und West, den andauernden Kämpfen gegen die (verworfenen) Ideologien der Väter, eben von alledem, was im Verborgenen unser Handeln, Denken und Fühlen bestimmt.

Verdrängen lässt sich viel; das Vergessen jedoch findet lediglich an der Benutzeroberfläche statt. Dafür sorgt schon allein das immense Unterbewusstsein des Digitalen, in dem sekündlich unsere Klicks und Swipes verschwinden und zugleich für immer abgespeichert bleiben. Denn auch wenn "Mama" den Teilnehmer, mit dem sie gerade spricht, bereits gelöscht hat, und auch diese Konversation sofort wieder löschen wird, ist sie doch "tief ins System ihrer Cloud gesickert und von dort theoretisch und praktisch wieder hervorziehbar". Ein tröstlicher oder beunruhigender Gedanke?

Version sechs bildet eine Art Klammer, die auf Ausstreichungen und Abschweifungen weitgehend verzichtet. Dann aber verschiebt sich noch einmal etwas: "(Jemand) Mensch" beginnt den siebten Loop, und bricht, kaum begonnen, schon wieder ab. In dieser Fassung, die wir uns auf die leere Seite denken müssen, findet möglicherweise "die Schönheit der Wüste" ihren Weg aufs User-Interface.

Luise Boege: Exorzismus in Polen Die Schönheit der Wüste". Parasitenpresse, Köln. 52 Seiten, 10 Euro.