Am schönsten war es im Jahr 2000 mit dem völlig unbekannten Chinesen. Die Redakteure standen wieder einmal auf alles gefasst vor dem Nachrichtenbildschirm. Da flackerte ein Name auf, den noch nie jemand gehört hatte, etwas Asiatisches, der Mann würde aber schon längst im Exil leben. In unterschiedlichsten Geschwindigkeiten schienen die unterschiedlichsten Gedanken durch die Köpfe zu laufen, wie man sich hier am besten aus der Affäre ziehen könnte. Auf Deutsch gab es von dem Mann eh nichts, aber es sollte irgendwo etwas ins Englische übersetzt worden sein. Da meldete sich plötzlich der Theaterredakteur, der kurz vor der Rente stand, und glaubte sich zu erinnern: Es habe doch mal vor etwa zwanzig Jahren ein Stück im Theater am Turm gegeben, das sei wohl von diesem Autor gewesen. Der Artikel über den Nobelpreisträger bestand dann also aus einer minutiösen Nachbesinnung auf den damaligen Theaterabend.

Solch schöne Szenen werden sich in diesem Jahr in den Redaktionen nicht wiederholen können. Die Vergabe des Nobelpreises wird ausgesetzt. Der Preis für 2018 soll dann allerdings ein Jahr später zusammen mit demjenigen für 2019 vergeben werden. Die Schwedische Akademie, die den finanziell bedeutendsten und deshalb auch renommiertesten Literaturpreis der Welt vergibt, müsse erst einmal "Vertrauen" zurückgewinnen.

Die Krise, in die die Akademie geraten ist, hat allerdings nichts mit merkwürdigen, allseits umraunten, durch unentwirrbare Beziehungsgeflechte entstandenen Nobelpreisentscheidungen zu tun. Davon hat es im Lauf der Jahre immer wieder welche gegeben. Der Auslöser war auch in erster Linie nicht der private Klub des Ehemanns eines Akademiemitglieds als solcher, für den immer wieder illegal öffentliches Geld von der Akademie abgezweigt wurde. Auslöser war auch nicht die Tatsache, dass sich dieser private Klub zum Vorzimmer der Akademie und des Nobelpreiskomitees entwickelte – wer in Schweden literarisch etwas werden wollte, musste da durch, denn die Akademie vergibt nebenbei auch wichtige innerschwedische Preise und Stipendien. Solche Klüngelei, die Verbindung und Durchdringung von öffentlichen und privaten Sphären ist im Literaturbetrieb überall so selbstverständlich geworden, dass es keiner mehr als ungewöhnlich registriert. Nein, Auslöser für den Skandal war die MeToo-Debatte. Das ist auf jeden Fall ein Zeichen für eine wachsende Sensibilität im gesellschaftlichen Raum, ein enormer Fortschritt in der politischen Diskussion. Es sagt aber auch etwas über die Art und Weise aus, wie im literarischen Feld agiert wird.     

Autorität, die nicht hinterfragt wurde

Der Stoff bietet sich sofort für eine Fernsehserie an. Der Ehemann der sehr angesehenen Lyrikerin Katarina Frostenson, die dem Nobelpreiskomitee angehört, hat in seinem Klub zahlreiche junge Frauen, die im Literaturbetrieb etwas werden wollten, unter Hinweis auf seinen Einfluss sexuell genötigt und belästigt. Die Wirklichkeit ist anscheinend immer trivialer und schmieriger als ihre mögliche künstlerische Umsetzung, das wäre eine ästhetische Herausforderung für den Serienregisseur. Gedeckt wurde alles durch das Renommee der Schwedischen Akademie. Wer es auf einen der 18 Stühle des Nobelpreiskomitees geschafft hatte, war in Schweden sakrosankt. Das höfische Zeremoniell der Akademie, die Nobelpreisfeier mit Frackzwang und prunkvollem Rahmen: Das zehrte alles von einer inhaltlichen Autorität, die nicht mehr hinterfragt werden musste.          

Als die erst seit Kurzem amtierende Ständige Sekretärin der Akademie, Sara Danius, die Vorwürfe der belästigten Frauen juristisch untersuchen ließ, war das für den harten Kern der Akademiemitglieder offensichtlich der Sündenfall. Die Chance für einen Selbstreinigungsprozess der Akademie wurde dabei vertan. Sara Danius trat zurück, mittlerweile ist das Gremium mit nur noch zehn Mitgliedern nicht mehr beschlussfähig. Der Interimsvorsitzende Anders Olsson teilt nun in seiner Erklärung mit: "Wir halten es für nötig, Zeit zu investieren, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Akademie wieder herzustellen, bevor der nächste Preisträger verkündet werden kann." Was das genau heißt, ist noch nicht ganz klar. Die Nobelstiftung teilte in einer eigenen Pressemitteilung mit, dass jetzt "eine umfassende Veränderungsarbeit" anstehe. Die Frage ist, ob die verbliebenen zehn Akademiemitglieder auf Zeit spielen und die Debatten also aussitzen wollen, oder ob es zu einem wirklichen Neuanfang kommt. Vermutlich wird die Zeit, die jetzt "investiert" wird, mit genau dieser Auseinandersetzung verbracht werden.  

Damit der Nobelpreis an sein verlorenes öffentliches Prestige wieder anknüpfen kann, wäre ein radikaler Schnitt wohl wirklich geboten. Man könnte träumen von ästhetischem Streit, von grundsätzlichen Diskussionen darüber, welchen Kriterien diese hochsymbolische Preisvergabe unterliegen sollte. Man könnte davon träumen, dass die Literatur im Mittelpunkt stehen würde und nicht die üblichen Status- und Renommierspiele einzelner Jurymitglieder. Und vielleicht sogar davon, dass die nervösen Minuten am Bildschirm vor der Nobelpreisverkündung wirklich von der erwartungsvollen Spannung geprägt sind, wen eine kompetente Jury in diesem Jahr für würdig hält.