"Was wirst Du zu jenen sagen, die hier sitzen und einer Partei angehören, von deren Mitgliedern immer wieder einige nahezu im Wochenrhythmus naziverharmlosende oder antisemitische oder rassistische Meldungen abgeben." So resümierte Michael Köhlmeier jüngst inseiner Rede zum NS-Opfer-Gedenktag des Parlaments in der Wiener Hofburg seine Selbstbefragung. "Es wäre so leicht, all die Standards von 'Nie wieder' und bis 'Nie vergessen', diese zu Phrasen geronnener Betroffenheit aneinander zu reihen (…). Aber dazu müsste man so tun als ob. Und das kann ich nicht und das will ich nicht." 

Und so nannte Köhlmeier die Dinge beim Namen oder doch fast: die FPÖ als eine Regierungspartei, deren Innenminister Kickl schon vor Monaten angekündigt hatte, Asylbewerber "konzentriert" an einem Ort halten zu wollen; eine Partei, die Antiislamismus "verlogen" mit Philosemitismus begründet. Und die sich im Umfeld ihres Akademikerverbandes eine Zeitschrift leistet, die die befreiten Häftlinge des KZ Mauthausen als "Landplage" bezeichnet.     

Wie Phönix aus seiner Asche

Köhlmeiers Rede erntete Standing Ovations der Festversammlung, betretene Gesichter bei den Vertretern der Regierung und Empörung bei denen, die er angegriffen hatte. Auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) fühlte sich zu Recht betroffen, hatte der Schriftsteller doch gemeint, es habe auch in der Nazizeit  "schon Menschen gegeben, auf der ganzen Welt, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben".

"Ihr Österreicher mit euren Reden!" sagte mir ein deutscher Kritikerkollege mit einer Mischung aus Respekt und Belustigung. Er mochte wohl auch an Thomas Bernhards berühmte Staatspreisrede gedacht haben, die 1968 den Unterrichtsminister in die Flucht geschlagen hatte. Vor Köhlmeier hatte am 24. April bereits Josef Winkler den Kärntner Landtag mit seiner ungleich hitzigeren Ansprache zur 500-Jahr-Feier der Landeshauptstadt Klagenfurt in Angst und Schrecken versetzt. Sein Angriff galt vor allem den "Kapitalverbrechern und politischen Ganoven" der Ära Haider, also wirtschaftskriminellen Aspekten. Er erinnerte aber auch an die Radio-Abschiedsworte des NS-Gauleiters Rainer, die Jörg Haider 1991 nach seiner Abwahlals Landeshauptmann (wegen einer Bemerkung über die "ordentliche Beschäftigungspolitik" des Dritten Reichs) zitiert hatte: "Paßt mir auf mein Kärnten auf!"

Im Zusammenhang mit dem Milliardendesaster des Hypo-Alpe-Adria-Bankrotts regte Winkler an, "die Urne des verstorbenen Landeshauptmannes in eine bewachte Gefängniszelle zu verlegen, denn es könnte ja sein, dass er wie ein Phönix aus seiner Asche steigt und wieder sein Unwesen treibt und als blaues Wunder verkauft, denn schon zu Lebzeiten hat er öfter gesagt: 'Ich bin weg! Ich bin wieder da! Ich bin wieder weg! Und gleich wieder da!' Einbalsamieren! Ausbalsamieren! Einbalsamieren! Ausbalsamieren! Dann bin ich wieder da!"

Was ist los in Österreich?

Der anwesende FPÖ-Landtagspräsident fand das nicht lustig und verließ wutschnaubend den Saal, die Landespartei erstattete Anzeige gegen den Redner wegen übler Nachrede, Ehrenbeleidigung und "Verhetzung". Die "Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen und Autoren" konterte mit einer Anzeige gegen die Wortführer der Kärntner FPÖ wegen der Titulierung Winklers als "linker Hassprediger".

Was ist los in Österreich? Und wie erklärt man das dem befreundeten Ausland? Anders als im Jahr 2000 bei der ersten schwarz-blauen "Wende"-Regierung unter Bundeskanzler Schüssel hat sich diesmal kein massenhafter Protest formiert. Die Widerstandsenergie scheint im gelungenen Abwehrkampf gegen den freiheitlichen Bundespräsidentschaftskandidaten Norbert Hofer verpufft. Offenbar sieht sich die schreibende Intelligenzija des Landes veranlasst, in die Bresche zu springen, und zwar nicht nur eine immer schon dezidiert politische Autorin wie Marlene Streeruwitz (Frag Marlene. Feministische Gebrauchsanleitungen), sondern auch Schriftsteller, die bisher als eher unpolitisch galten.