Die Schwedische Akademie erlebt nach einem Belästigungs- und Korruptionsskandal eine schweren Krise – so schwer, dass sie erwägt, in diesem Jahr keinen Literaturnobelpreis zu vergeben. Die Vorgänge hätten nicht nur das Vertrauen in die Akademie beschädigt, sondern auch das Ansehen des Nobelpreises, teilte sie mit. Falls sie in diesem Jahr keinen Preisträger küre, werde sie dafür 2019 möglicherweise gleich zwei ernennen.

Die jahrhundertealte Kulturinstitution traf sich am Donnerstag nach Angaben eines Mitglieds mit der Nobelstiftung, die die Preisgelder für alle fünf Nobelpreise verwaltet. Die Stiftung hätte die Macht, auch gegen den Willen der Akademie das Preisgeld zurückzuhalten.

Die Akademie hatte zuletzt betont, die Vorbereitungen für den Nobelpreis würden von der Krise nicht gestört. "Wir liegen gut im Plan", sagte Jury-Mitglied Göran Malmqvist der Zeitung Dagens Nyheter. Dennoch werde über eine Verschiebung gesprochen, sagten andere Mitglieder schwedischen Medien.

Mehrere Jurymitglieder legten ihr Amt nieder

Dagens Nyheter hatte vor Monaten berichtet, dass der Leiter des Stockholmer Kulturzentrums Jean-Claude Arnault über Jahre hinweg 18 Frauen belästigt oder missbraucht haben soll. Diese seien weibliche Mitglieder der Akademie, Frauen oder Töchter von Akademiemitgliedern sowie Mitarbeiterinnen der Institution. Die Akademie beendete daraufhin alle Beziehungen zu dem Mann. Arnaults Frau, die Dichterin Katarina Frostenson, ist ein Akademiemitglied. Sie soll dem Forum ihres Mannes über die Akademie Subventionen zugeschoben haben. Beide tauchten nach den Vorwürfen unter.

Infolge des Skandals legten mehrere Jurymitglieder ihre Arbeit nieder. Zuletzt schaltete sich auch Schwedens König Carl XVI. Gustaf ein und forderte die Mitglieder auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Er habe die Entwicklung in der Akademie "mit großer Unruhe verfolgt", sagte der Monarch und Schirmherr der Kulturinstitution.

Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Nobelpreisvergabe um ein Jahr verschoben wird. In den Statuten der Nobelstiftung ist das allerdings vor allem für den Fall vorgesehen, dass kein angemessener Kandidat gefunden wird. "Wenn keine der in Betracht gezogenen Arbeiten die im ersten Absatz angegebene Bedeutung aufweist, ist das Preisgeld bis zum folgenden Jahr zu reservieren", heißt es in dem Regelwerk. Siebenmal machte die Schwedische Akademie von dieser Möglichkeit in der Vergangenheit Gebrauch. Unter anderem bekam der Ire George Bernard Shaw (Pygmalion) seinen Preis für 1925 erst im Jahr 1926.