Die Autorin Thea Dorn hat eine Streitschrift verfasst. In essayistischen Abhandlungen schreibt sie über die Furcht vor einem kulturellen Identitätsverlust und die Sorge um die Kultiviertheit des Landes. Diese sieht Dorn gegenwärtig mehrfach in Gefahr. Die politische Öffentlichkeit sei derzeit durch eine von "groben Vereinfachern" und "rüden Kräften" betriebene Polarisierung bedroht.

Dorn richtet in ihrem Buch an beide Seiten einen "Appell der Mäßigung". Einerseits preist sie die Fähigkeit zur Orientierung an der vernünftigen Mitte als urbürgerliche Tugend gegen die bürgerliche Radikalisierung nach rechts (für die exemplarisch Alexander Gauland steht). Anderseits beklagt sie die "Exzesse politischer Korrektheit". Sie bittet deswegen die "Minderheitenfürsprecher" und die "queere Community", identitätspolitisch abzurüsten, sich nicht in einer "mimosenhaften Sensibilität" einzurichten und die durch Konventionalität geprägte Lebensweise der Mehrheitsgesellschaft als legitim anzuerkennen, statt sie als "rückschrittlich zu verspotten".

Gefahr drohe auch durch die Erosion des bildungsbürgerlichen Kanons: Schlimm sei es, dass man in den Schulen Bob Dylan statt Andreas Gryphius und Wolfgang Herrndorf statt Homer lese. Und schlimm sei es, dass Bildung inzwischen auf "verwertbares Wissen" reduziert werde. Dorn verbindet ihre Klage mit einem emphatischen Plädoyer für ein Selbstverständnis Deutschlands als Kulturnation. In wenigen Ländern habe die Hochkultur eine so zentrale Bedeutung gehabt, da sich Deutschland über lange Zeit fast ausschließlich über seine Kultur definiert habe. Die Idee der Kulturnation sei, so schreibt Dorn, "der wichtigste und fruchtbarste Mythos der deutschen Geschichte".

Der Gegenzauber zum Individualismus

Dazu versteht sich ihr Buch als ein laut Untertitel "Leitfaden für aufgeklärte Patrioten", der die Unverzichtbarkeit einer Kategorie nationaler Identität sowie die Tugend des Patriotismus herausarbeiten will. Gegenüber der kulturellen Unbehaustheit der Berliner Hipster und der identitätslosen "kosmopolitischen Nomaden" möchte Dorn den Heimatbegriff verteidigen und die Bedeutung der "kulturellen Identität" betonen. In der Tugend des Patriotismus sieht Dorn den einzig vorstellbaren Gegenzauber zum übertriebenen Individualismus, der die Bürger zu Monaden verhexe, die nur noch rücksichtslos ihre singulären Interessen verfolgten. Schließlich plädiert die Autorin für mehr "deutsches Selbstbewusstsein", insbesondere in weltpolitischer und militärischer Hinsicht. Und sie wirbt für ein Geschichtsbild, welches zwar "das finsterste Kapitel" der deutschen Geschichte nicht ausblendet, aber eine angebliche Fixierung auf jenes überwinde.

Dorn setzt sich ein ambitioniertes Ziel. Sie will zeigen, dass eher als rechts konnotierte Begriffe, zuallererst derjenige des Patriotismus selbst, einer Interpretation zugänglich sind, in der sie kompatibel werden mit universalistischen Prinzipien der Aufklärung. Mit Emanzipation, Selbstbestimmung, Menschenrechten. In ähnlicher Weise soll auch die Idee der deutschen Kulturnation vor jeder Deutschtümelei gerettet werden, indem der "menschheitszugewandte Geist" gerade auch des deutschen Kulturerbes gegenüber seiner nationalen und nationalistischen Verstümmelung herausgestellt wird.

Zugleich möchte Dorn dezidiert ein "Plädoyer für ein deutsches Wir" leisten und zu einer Haltung ermutigen, die sich "zu Deutschland bekennt". Sie möchte, so lässt sich ihr Programm wohlwollend verstehen, eine Art Überleitungs- und Vermittlungsleistung erbringen: einerseits, indem sie bestimmten, von rechts besetzten Begriffen einen liberalitätskompatiblen Gehalt unterschiebt. Andererseits, indem sie ein gewisses Recht der Kritik am liberalen Universalismus durchaus anerkennt. Insbesondere in der Hinsicht, dass auch aufgeklärte Liberalität ein "ethisch-kulturelles Fundament" benötige. 

Es wird einem "nicht warm ums Herz"

Um es vorwegzunehmen: Das gelingt der Autorin nicht. Tatsächlich führt ihr Buch exemplarisch einige derjenigen Probleme vor, die sich ergeben, wenn man einmal die Logik akzeptiert hat, man dürfe gewissermaßen den rechten Diskurs nicht den Rechten überlassen.

Das Buch erkauft seine Thesen durch mehrere gefährliche Unschärfen. Zunächst fällt auf, dass Dorn einerseits ausdrücklich einen Verfassungspatriotismus für unzureichend hält, sie andererseits gerade universalistische Wertorientierungen und die Idee des mündigen, emanzipierten Individuums als verteidigenswert auszeichnet. Gegen den Verfassungspatriotismus von Habermas bringt Dorn den bekannten Einwand der Seminarblässe und Blutleere; es werde einem damit "nicht warm ums Herz". Der Verfassungspatriotismus müsse um Heimatliebe und Kulturpatriotismus ergänzt werden. In dieser Logik durchaus konsequent erklärt Dorn zum Integrationserfordernis deshalb nicht nur die Akzeptanz von Verfassungsprinzipien, sondern ebenso die Hochschätzung von Forstwirtschaft, Ordnungsliebe und Fußballfieber.

Das Buch schwankt zwischen der Behauptung, liberale Verfassungsprinzipien müssten durch ein Bewusstsein kultureller Identität ergänzt werden, und der Intention, diese Prinzipien selbst zum Ausdruck eigener kultureller Identität zu erklären. Mit dieser zweiten Behauptung ist das Buch exemplarisch für einen gegenwärtigen Diskurs, der universalistische Prinzipien identitätspolitisch verzwecken möchte: Die Verteidigung der Menschenrechte soll zugleich als Verteidigung des Eigenen gegenüber dem Fremden verstanden werden können.