Ach, hätte er doch nie das Romanschreiben angefangen. Wäre er doch das geblieben, was er in den Sechziger- und Siebzigerjahren zweifellos war: der größte amerikanische Reporter dieser Zeit. Und diese Zeit war nun wirklich voll mit großen Reportern, es war noch ein fürchterlich männlich besetzte Domäne: Gay Talese, Hunter S. Thompson, Michael Herr, Joe Eszterhas, auch Truman Capote und Norman Mailer schrieben ja mitunter Reportagen (oder so was Ähnliches). Joan Didion und Barbara L. Goldsmith waren zwei der wenigen Frauen, die von und in dieser Männerriege akzeptiert wurden, und er, der Größte, wählte die besten Texte von allen aus, um eine Revolution im Journalismus zu verkünden und ihr nachträglich einen Namen zu geben in einem Sammelband im Jahr 1973, gemeinsam mit E. W. Johnson: The New Journalism, zusammengestellt von ihm – Tom Wolfe.

Im Vorwort schrieb er großmäulig davon, dass die Texte dieses New Journalism den Roman als führende literarische Form in den USA abgelöst hätten. Wer brauchte denn noch die Fiktion, wenn der Journalismus sich all ihrer literarischen Mittel bediente – aber nichts erfinden musste? Alles recherchiert, alles wahr! BÄMM!

Eben: BÄMM, großgeschrieben, Ausrufezeichen. Ja, die frühen Reportagen und Porträts dieses 1930 in Richmond im US-Bundesstaat Virginia geborenen Mannes, der eigentlich gar nichts Aufrührerisches oder gar Progressives im Sinn hatte, lasen sich über weite Passagen oft wie die Verschriftlichung von Comic-Sprechblasen oder atemlosen Radioansagen; oder als habe Wolfe die Bilder von Roy Lichtenstein in Texte übersetzen wollen oder auch nur das geile Geschwätz der jungen Leute, inklusive lautmalerischer Satzzeichentranskription.

Alles war bunt, alles war schnell

 "Hai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-ai-riiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!": So exakt fing eine der Geschichten aus dieser Zeit an, unten auf der Straße in New York City aufgeschnappt, Die Stimmen vom Village Square über die coolen Jungs, die dort damals herumhingen, als Manhattan noch nicht totgentrifiziert und mit Modekettenboutiquen zugestellt war. Die Stories der Generation der Babyboomer, die während oder gleich nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren worden waren und als Teenager in den Sechzigerjahren die Weltherrschaft des Konsums einläuteten, weil sich alle ihre widerständigen Gesten selbstverständlich unmittelbar in Produkte verwandelten, erzählte der knapp ein Jahrzehnt ältere Wolfe in vielen Variationen. Alles war bunt, alles war neu, alles war schnell, alles klang ziemlich geil.

Wolfe porträtierte auch die Leute, die aus alldem ihre Geschäfte machten, Hugh Hefner im kreisrunden, sich drehenden Bett oder der damals noch blutjunge Musikproduzent Phil Spector im Flugzeug auf dem Rollfeld, der als Einziger an Bord wusste: Das Ding wird abstürzen, garantiert. Also musste der Kapitän leider noch mal umdrehen vorm Start und ihn rauslassen, den "ersten Tykoon der Teenager", die anderen konnten gern sitzen bleiben, Spector aber durfte nicht sterben. Wie irre ist das bitte!

Und dann gab es noch die aufgeschlossenen Alten, die die heranbrechenden neuen Zeiten verstehen wollten, aber leider gar nichts kapierten, sorry. These Radical Chic Evenings hieß eine von Wolfes berühmtesten Geschichten, erschienen in der Juni-Ausgabe 1970 des New-York-Magazins (er schrieb vor allem für die New York Herald Tribune und den Esquire damals): Ein Abend in der herrschaftlichen Wohnung von Leonard Bernstein, der die Black Panther zu sich nach Hause eingeladen hatte – oh, wie sie alle aneinander vorbeiredeten! Sehr lustig, sehr niederschmetternd.

Wolfe schrieb alles mit, er war damals so was wie der Heimatchronist der gesellschaftlichen Umbrüche: Während viele seiner besten amerikanischen Kollegen aus Vietnam Kriegsreportagen schickten oder in Washington bald Richard Nixons Machenschaften hinterherrecherchierten, zog Wolfe mit den Merry Pranksters durchs Land für sein 1968 erschienenes, großartiges Non-Fiction-Buch The Electric Kool-Aid Acid Test. Wolfe beobachtete den Übergang, die Veränderungen, er suchte und fand wenig später die "Me Decade", die Siebziger als Jahrzehnt der totalen Selbstverwirklichung. Da hatte sich schon Essayistisches in seine Texte eingeschlichen, Wolfe hatte sich mit Meinungen angesteckt über die Zeit, etwas altklugen oft, gar reaktionären. Er, der Südstaatenmann im weißen Anzug.