Statusdenken, das war stets Wolfes Arbeitshypothese gewesen, war das Einzige, was Menschen wirklich motivierte – man musste als Schreiber nur die Symbole und Codes dechiffrieren, in die sie ihre Sehnsüchte kleiden, dann verstünde man die Leute. So einfach ist dann aber auch der amerikanische Kapitalismus nicht als Wirtschaftssystem gewordenes Abbild eben der Sehnsüchte der Menschen. Liebe zum Beispiel, überhaupt das Irrationale, lässt sich so nicht fassen: Nicht alles nimmt Warenform an, nicht alles lässt sich kaufen und verkaufen, auch wenn es ständig versucht wird.

Der Essayist, vielleicht auch der Provokateur in Wolfe gewann langsam die Überhand, er legte sich in Büchern gleich mit der ganzen zeitgenössischen Kunst an (Das gemalte Wort, 1975) und der ganzen Architekturgeschichte seit der Moderne (Mit dem Bauhaus leben, 1981, im Jahr darauf auf Deutsch erschienen). Darunter machte er es nicht mehr. Diese bewusst nicht akademischen Außenseiterbeobachtungen konnte man auch als Satiren lesen, ebenso wie Wolfes nunmehr letztes, im vergangenen Jahr erschienenes Buch Das Königreich der Sprache. Das ist weniger Linguistikstudie denn Polemik über Noam Chomskys – in Wolfes Augen verheerendes – Wirken als Großintellektueller und politischer Kopf.

Keine Ironie

Und dann sind da eben Wolfes vier dicke Romane, allesamt offenkundig Versuche, die große amerikanische Gesellschaftsbeobachtung der jeweiligen Zeit in fiktionaler Form zu verfassen. Fegefeuer der Eitelkeiten (1988) über die Yuppie-Ära an der Wall Street; Ein ganzer Kerl (1999) über einen alternden weißen Südstaatenreichen; Ich bin Charlotte Simmons (2005) über die amerikanischen Universitäten und die zeitgenössische Campuskultur; schließlich Back to Blood über Florida und das Einwandererland USA. Dass diese Romane lang und tief recherchiert sind, so wie man das von einem ehemaligen Reporter erwarten konnte, ist unbestreitbar; und wie gut Wolfes Gehör für Soziolekte (und amerikanische Dialekte) war, merkt man in den Passagen, in denen Wolfe seine Figuren ausführlich reden lässt. Die Tragik von Fegefeuer der Eitelkeiten bestand darin, dass nur drei Jahre später Bret Easton Ellis' American Psycho erschien, ein literarisch wesentlich radikalerer Roman, der die von Wolfe exakt beschriebene Yuppie-Ära mit der Kettensäge hinrichtete. Und sie fast nebenbei geradezu gesellschaftsphänomenologisch analysierte. Der viel jüngere Easton Ellis hatte das absolute Nichts im Zentrum dieser Zeit viel besser gesehen.

Tom Wolfe wird sich, als er in genau die literarische Form gewechselt ist, die er Jahre zuvor für überholt erklärt hatte, des Risikos für ihn als Autor wohl bewusst gewesen sein. Das irgendwie doch Lustige an diesem großen Beobachter und Verspotter der Zeiten aber war, dass er offenbar nicht sonderlich begabt darin war, Selbstironie zu entwickeln. Seine weißen Anzüge hatten auch absolut nichts Ironisches. Sie waren die total leicht lesbare Uniform eines Mannes, der sein Statusdenken damit ungebrochen präsentierte, zugleich seine Arbeitshypothese am eigenen Leib trug: Tom Wolfe machte sich im Gegensatz zu vielen seiner einstigen Reporterkollegen nie schmutzig. Ach, hätte er nur noch die eine große Reportage über die Ära Trump, das eine große Porträt über Donald Trump selbst geschrieben: Womöglich ließe sich der ja wirklich mit nichts als Statusdenken erzählen, als New Yorker Möchtegern, der es allen zeigen wollte, die ihn stets verspottet haben.

Doch diesen Text wird Tom Wolfe nicht mehr schreiben. Er ist am Montag im Alter von 88 Jahren in New York gestorben.