Deutschlands bekanntester Bankräuber und Schriftsteller Ludwig Lugmeier hat im Knast und über seine Zeit darin kaum etwas geschrieben. Der gänzliche Weltverlust hinter Gittern lähme einen, hat er mal in einem Interview erzählt. Zudem sei der Alltag so einförmig, ereignislos, so durch und durch langweilig, dass man angesichts dieses Stoffmangels schlicht nicht wisse, worüber man schreiben solle.

Curtis Dawkins, ein angehender Autor mit Master-of-Fine-Arts-Abschluss, erschießt 2004 unter dem Einfluss von Crack und Wodka einen Mann und bekommt dafür lebenslänglich "ohne Aussicht auf Bewährung", wie der Klappentext dräut. Dawkins jedoch hört nicht auf, setzt sich mit seiner neuen Gegenwart literarisch auseinander und beginnt bald, in Literaturzeitschriften zu publizieren, Erzählungen, die schließlich auch einem Lektor beim New Yorker Verlag Scribner auffallen. Im vergangenen Jahr erschien dort seine erste Short-Story-Sammlung, die nun auch auf Deutsch vorliegt.

Alle meine Freunde haben wen umgebracht erzählt vom seelenlosen Haftalltag, von den temporären Fluchten, den Ritualen, mit denen man die Zeit herumbringt, den Baseballspielen auf einem kleinen Schwarzweißfernseher, den Konventionen und Sprachregelungen. Die knastsicheren Kugelschreiber zum Beispiel, deren Minen in einer dünnen, biegsamen Röhre stecken, damit sie nicht als Stichwaffe taugen, heißen hier "Schlappschwänze". Und: "13 ½ ist ein Spitzname für einen Insassen, der zwölf kackdämliche Geschworene hatte, ein Arschloch als Richter und einen Verteidiger, der den Tag vor Gericht auf einer halben Arschbacke abgesessen hat, was alles zusammen lebenslänglich ergibt."

Sie nehmen, was sie kriegen können

Dawkins’ Stil passt sich der Umgebung an. Er arbeitet mit dem eingeschränkten sprachlichen Instrumentarium, das ihm hier zur Verfügung steht. So gibt er der niederschmetternden Profanität dieses Lebens hinter Gittern eine adäquate Form, die er auch gegen jeden Klischeeverdacht verteidigt. "Ein Wärter sagte uns nur: 'Bücherei.' Micky und ich zögerten, weil wir den Weg nicht wussten, und er nannte uns zwei dumme Arschlöcher. Ich wusste, dass auch er gekünstelt wirken würde, wenn ich sein jämmerliches Speckgesicht und seine feine Wortwahl beschrieb, aber da war nichts zu machen."

Gleich in mehreren Geschichten ist der Erzähler Tätowierer, eine poetologische Chiffre für Dawkins’ eigenes Künstlertum. "Im Gefängnis nehmen die Tätowierer, was sie eben kriegen können, meistens eine angespitzte Gitarrensaite an einem Walkman-Motor. Die Tinte wird aus Ruß und Spucke, manchmal auch Urin, hergestellt, und die noch so brillanten, präzisen Entwürfe sehen auf der Haut nur noch stumpf und verwaschen aus. Tätowieren im Knast ist wie der Versuch, feine Näharbeiten mit der Stricknadel auszuführen."