Überlebt zu haben: Das war nach 1945 die Grunderfahrung der Deutschen – und sie blieb es zeitlebens für den Schriftsteller Dieter Wellershoff. Vielleicht wuchs sogar bei ihm das Bewusstsein für dieses Schicksal an, je größer der Abstand zum Zweiten Weltkrieg wurde. Und wer heute verstehen will, wie Angst, Gewalt und Tod, zugleich Anpassung, Verblendung, Distanz und Verrohung seine Generation geprägt haben, der lese seinen autobiografischen Essay Der Ernstfall von 1995, eine Art Memoire des 70-Jährigen, als es das Wort dafür noch nicht gab. Keineswegs ein überzeugter Nationalsozialist, hatte sich der 17-Jährige freiwillig zur Panzerdivision Hermann Göring gemeldet, erlebte das Grauen an der Ostfront, wurde schwer verwundet – und begibt sich, kaum genesen, wieder in die Todeszone, mitten hinein in die Endkämpfe der Wehrmacht.

Deutsche Kriegserzählungen gibt es viele, doch Wellershoffs unerbittliches Ringen um Präzision in der Beschreibung der alltäglichen Hölle ist wohl einzigartig in der deutschen Literatur nach 1945. Er will herausfinden, wie es war, wie er war, wie jene vielen Deutschen waren, die für ein verbrecherisches Regime willig, trotz etwaiger Gewissensnöte, ihr Leben einsetzten, zu Tätern wurden, töteten. Die Normalität dieses Ernstfalls, ohne Kitsch, lakonisch ohne Pathos: Das ist heute noch erschütternd zu lesen. Für Wellershoff war es ein existenzieller Riss, denn er wusste seither: "Ich lebe nur zufällig."

Tagungen der Gruppe 47

In einem bewegenden Hörbuch, Schau dir das an, das ist der Krieg, erzählte der 85-Jährige später erneut anschaulich von diesen Prägungen der jungen Jahre, vom Aufwachsen im Nationalsozialismus. Immer wieder sollte sein schriftstellerisches Werk um Erforschungen mentaler Dispositionen kreisen, je älter er wurde, desto genauer wurde er darin – die geheime Wurzel mag dafür in seinen Jugenderfahrungen vor 1945 gelegen haben. 2006 wurde bekannt, dass er in den Akten der NSDAP seit dem 20. Juli 1944 als Parteimitglied geführt wurde, wovon er bis dahin nichts gewusst hatte – gerade für den besessenen Erinnerer Wellershoff ein tragisch-groteskes Nachwirken der Vergangenheit.

Im Kontrast dazu die Bilder 20 Jahre nach Kriegsende: Der wahnsinnig gut aussehende Wellershoff mit dem virilen Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki bei Tagungen der Gruppe 47, erfolgreiche Männer um die 40, allesamt auf dem Weg nach oben, dabei, der immer noch jungen Bundesrepublik ihren Stempel aufzuprägen – zwei Jahrzehnte zuvor zwischen Ghetto und Panzer eine unausdenkbare Konstellation. Wellershoff war da bereits zu einer Schlüsselfigur des Literaturbetriebs geworden: Seit 1959 war er Lektor des Verlags Kiepenheuer & Witsch in Köln; er blieb dem Verlag auch als Autor bis zum Schluss treu. Seine neunbändige Werkausgabe ist dort erschienen.

Intellektuelle Dynamik

Bei Kiepenheuer & Witsch lektorierte Wellershoff einen anderen Ostfrontsoldaten, Heinrich Böll, er holte aber vor allem die neuen wilden, bundesrepublikanischen Stimmen ins Haus, die ihm näher waren: Rolf Dieter Brinkmann, Nicolas Born, Günter Wallraff. All das wurde bald rasch als "Kölner Schule des Realismus" gelabelt, Wellershoff war ein umtriebiger Organisator. Zugleich entwickelte er ein sozialwissenschaftliches Programm, denn die beginnenden Sechzigerjahre waren auch die Zeit, in der für eine neue Generation die Theorie in den Geisteswissenschaften Konjunktur hatte. Mit dabei im Programm war Wellershoffs einstiger Bonner Studienkollege Hans-Ulrich Wehler, der gerade als frecher Historiker sein Fach aufmischte und sich später noch gerne an die Bonner Studentenclique um den Philosophen Jürgen Habermas und Wellershoff erinnerte. Die enorme, immer wieder erstaunliche, das Land öffnende intellektuelle Dynamik dieser Generation kann man auch bei Wellershoff beobachten.

Wellershoff hatte nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft das Abitur nachgeholt und in Bonn 1947 mit dem Germanistikstudium begonnen. Seine Dissertation galt einem großen Alten, der nach 1945 wieder ein Star war: Gottfried Benn. Einen "Phänotyp dieser Stunde" nannte er ihn, später gab er dessen Werke heraus. Es ist das Moderne an Benn, das anziehend ist für den jungen Intellektuellen, der dem Tod glücklich entgangen war – und wir sehen bei Wellershoff jene eigentümlichen ästhetischen Mischungsverhältnisse, den Spagat zwischen Benn und Böll, zwischen Realismus und französischem Nouveau Roman.