Spätestens seit der US-amerikanischen Serie Transparent ist eine zentrale These der Epigenetik im Populärwissen angekommen: Die Vorstellung, dass traumatische Erfahrungen sich ins menschliche Genmaterial einschreiben und so auf die nächste Generation übertragen können.

Bei Susanne Fritz findet dieser relativ junge Teilbereich der Vererbungslehre lediglich in einem Nebensatz Erwähnung. Was eigentlich erstaunlich ist – denn in ihrem Buch Wie kommt der Krieg ins Kind dreht sich alles um den Einfluss von Traumata auf die nachfolgenden Generationen. Doch ob diese nun genetisch vererbt oder vielmehr vermittels Familiengedächtnis weitergegeben werden, lässt die Autorin offen.

Seit ihrer Kindheit kennt die 1964 im Schwarzwald Geborene anekdotische Fragmente aus dem Gedächtnisarsenal ihrer Mutter, die auf ein unbestimmtes Früher verweisen: die schambehaftete Prozedur des Glatze-Schneidens, das "Umdrehen auf Kommando" in überfüllten Schlafstätten. Lange noch bevor die Bruchstücke ein zusammenhängendes Narrativ ergeben, trifft Fritz ein weiterer Bumerang aus der Vergangenheit: Mit dem Einsetzen der Pubertät distanziert sich die Mutter von ihr, ganz so, als wollte sie die Tochter in eine Art verlängerte Sippenhaft nehmen. "Gefangenes Kind" lautet die Kapitelüberschrift, die sowohl auf die unzugängliche, tabubehaftete Vergangenheit verweist, als auch auf das Gefühl der Jugendlichen, im Schweigegebot der Eltern festzustecken. Einordnen und literarisch verarbeiten kann sie das Erlebte, das Gesagte und vor allem das Ungesagte erst Jahre nach dem Tod der Mutter.

Such- und Erinnerungsprozess

Ein Fingerabdruck, hinterlassen auf einem gut siebzig Jahre alten Dokument, bringt die Recherche ins Rollen. Im April 1945 wird Fritz‘ Mutter, die mit ihrer Familie auf der Flucht vor der Roten Armee ist, von der sowjetischen Geheimpolizei festgenommen. Fünf Jahre zuvor hatte sie sich – wie die übrigen Mitglieder ihrer Familie auch – als polnische Staatsbürgerin in die Deutsche Volksliste aufnehmen lassen. Ein Akt, der ihr nun, mit Zusammenbruch des Dritten Reiches, als "Abfall von der polnischen Nationalität" und "Volksverrat" ausgelegt wird. Ihr Vater, NSDAP-Mitglied und zeitweilig als Schutzpolizist tätig, ist bei ihrer Gefangennahme bereits tot. Die 14-Jährige muss für die Gesinnung ihrer Eltern büßen: Sie wird ins Arbeitslager Potulice gebracht und leistet drei Jahre Zwangsarbeit auf einem polnischen Staatsgut, bevor sie 1948 nach Deutschland entlassen wird und ihre Familie wiedersieht.

Wie kommt der Krieg ins Kind verweigert sich der Illusion, im Nachhinein eine kohärente Erzählung herstellen zu können. Anstatt die Fundstücke chronologisch aneinanderzureihen, lässt Fritz ihre Leserinnen und Leser am eigenen Such- und Erinnerungsprozess teilhaben, in kurzen Abschnitten, in denen Gegenwart und Vergangenheit aufeinander-, manchmal auch aneinander abprallen. Sie reist nach Polen, recherchiert in Archiven, befragt Historiker, Zeitzeugen und noch lebende Familienmitglieder. Realistische Prosa à la Ralf Rothmann, die ihre Vorfahren fiktiv zum Leben erweckt, liefert uns die Autorin nur in wenigen Passagen – und stets mit dem Verweis, dass es auch ganz anders gewesen sein könnte.

Segregation, Vertreibung und Vernichtung

Vor allem ihre Großeltern, Jerzy und Elzbieta, Georg und Elisabeth, gewinnen rasch an Kontur. Sind sie anfangs noch "Eingesperrte einer Geschichte, die sich mir entziehen, Gefangene einer Sprache, die ich nicht spreche", hat man sie bald schon vor Augen, wie sie die Bäckerei des Großvaters in Swarzędz bewirtschaften. Zugleich spiegelt der kleine Ort nahe Posen die wechselvolle Geschichte Polens wieder: Alle paar Jahre werden Straßen und Plätze umbenannt; Schwersenz wird zu Swarzędz, zu Schwaningen und wieder zu Swarzędz. Ab September 1939 proben die Nazis hier die Segregation, Vertreibung und Vernichtung, die peu à peu auch im Deutschen Reich umgesetzt werden wird. Georg, Elisabeth und ihre Kinder gehören zur deutschen Minderheit, die nun Privilegien genießt und zu einigem Wohlstand gelangt. Den Modus des Verbergens und Stillschweigens behalten sie indes bei, ob es nun um die Anschaffung eines Staubsaugers (damals ein Luxusgut), Georgs Tätigkeit als Schutzpolizist oder den Umgang mit polnischen Angestellten geht.

Das Schweigegebot zieht sich durch die Generationen und lähmt noch im Jetzt den Schreibprozess der Autorin: "Ich will etwas erzählen und darf es nicht." Zwar kann ihr die Mutter nicht mehr real den Mund verbieten, "mit dem Tod enden aber nicht die Beziehung und die gegenseitigen Abmachungen".

Sehnsuchts- und Schreckensorte fallen zusammen

Eng gekoppelt an das Sprechverbot ist die Linie physischer Gewalt, die sich durch die Familie zieht. Ob man nun die Epigenetik oder die Sozialisation bemüht – ein Autounfall kann das Körpergedächtnis der Autorin ebenso aktivieren und ihr Nervensystem in Aufruhr bringen wie die literarische Beschreibung einer Kindeszüchtigung. Selten erlaubt Fritz es ihren Leserinnen und Lesern, sich hineinfallen zu lassen in eine zwar schreckliche, aber doch nach allen Seiten hin abgedichtete Fiktion einer Zeit, die nur noch wenige tatsächlich erlebt haben. Ein roter Faden, lose geknüpft aus Sprache, Körper und Erinnerung, lässt sich höchstens zwischen den Zeilen finden, im Doppelsinn der Kapitelüberschriften ("Mutter.Sprache.", "Macht.Worte.", "Lauter Leisetreter").

Ab 1970, als sich das Verhältnis zwischen BRD und Polen entspannt, unternimmt die Familie mehrere Reisen nach Polen, wo für die Mutter Sehnsuchts- und Schreckensorte in eins fallen. Was die damals jugendliche Tochter staunend beobachtet ("Die ehemalige Internierte und ihr Peiniger lagen sich weinend in den Armen"), kennt man aus der Traumaforschung: Den paradoxen Wunsch nach einer (imaginären) Rückkehr in die Extremsituation. Jan Philipp Reemtsma beschrieb ihn in seinem literarischen Entführungsbericht als "Nur-Im-Keller-Zuhause-Sein"; der Film Der Nachtportier (1974) imaginiert gar eine SM-Beziehung zwischen einer KZ-Überlebenden und ihrem ehemaligen SS-Peiniger. "Gefängnis und Lager waren selbstverständlicher Teil ihrer Heimat", hält Fritz als Erwachsene fest. Sauber in Opfer und Täter zu trennen ist ihre Sache nicht, auch auf das Risiko hin, sich damit auf politisches Glatteis zu begeben – aktuell vor dem Hintergrund des polnischen Holocaust-Gesetzes, nach dem es verboten ist, dem polnischen Staat eine Mitverantwortung an der Judenvernichtung zuzuschreiben.

Gewissheit über Gut und Böse zerbricht

Historisch ist das Lager Potulice inzwischen gut erforscht: 1941 wurde es von Deutschen als Sammelstätte für vertriebene Polen gegründet, später diente es als Außenstelle des KZ Stutthof. Ab 1945, nach der Befreiung durch die Sowjets, wurde es zum Internierungs- und Arbeitslager für polnische "Volksdeutsche" und antikommunistisch eingestellte Polen. Das Wachpersonal stellten zum Teil ehemalige Häftlinge, unter ihnen der Auschwitz-Überlebende und Quarantänearzt Ignazy Cedrowski, der Erzählungen zufolge seinen Rachegelüsten vor allem an deutschen Frauen freien Lauf ließ. "Märtyrer von Auschwitz" oder "Henker von Potulice"? Fritz fällt keine moralischen Urteile und entzieht damit auch ihren Leserinnen und Lesern die gewohnte Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen.

"In Gefahr sind alle. Alle, die bewachen. Alle, die richten. Alle, die siegen. Alle, die Stärke besitzen", schrieb Peter Weiss in Die Besiegten: "Wo auf dieser Erde würde der lauernde Henker im Menschen nicht nach einer solchen Chance greifen?" Auf die nächsten Verwandten oder gar auf sich selbst übertragen, verstören diese Fragen zutiefst, lassen alle Gewissheiten über Gut und Böse zerbrechen.

Nach Brotkrümeln tastend

Hat der Großvater als Bäckermeister das nahe gelegene Arbeitslager beliefert? War er, in seiner Funktion als Schutzpolizist, an Erschießungskommandos beteiligt? Wie ging er mit seiner Doppelrolle um? Vieles muss unbeantwortet bleiben: "Ich habe kein Gesinnungsthermometer in der Hand, um die Temperatur eines Toten zu messen."

Was bleibt, sind Schlaglichter, Ausschnitte, Ahnungen. Wie etwa die Erinnerung der Mutter an eine abgemagerte Hand, die auf der Ladefläche des Lieferwagens nach Brotkrümeln tastet. Bilder, die sie noch Jahrzehnte später im Traum verfolgen, untrennbar verschmolzen mit späteren Erklärungsversuchen und medialen Bildern, die sich zwischen Damals und Jetzt schieben. Was bleibt, sind auch die Ungewissheiten, mit denen die nachfolgenden Generationen leben müssen.

Susanne Fritz: Wie kommt der Krieg ins Kind. Wallstein Verlag, Göttingen. 268 Seiten, 20 Euro.