William T. Vollmann ist eine schillernde Gestalt der amerikanischen Literatur. Es gibt die Geschichte, das FBI habe ihn einige Zeit lang für den Unabomber gehalten. Es gibt die Geschichte, er habe mit den Mudschaheddin in Afghanistan gekämpft und sei dabei fast gestorben. Es gibt die Geschichte, Vollmann besitze kein Telefon, keine Kreditkarte und lebe in einem alten Restaurant in Sacramento. Es gibt die Geschichte, dass Vollmann sich ein weibliches Alter Ego erschaffen hat, eine Frau namens Dolores, in deren Rolle und Kleidern er vor die Tür trete. Alle diese Geschichten stimmen. Diese übrigens auch: Ginge es nach seiner hauptsächlich amerikanischen Anhängerschar, wäre er schon längst Nobelpreisträger.  

Wenn Vollmann schreibt, sind es am Ende selten weniger als 1.000 Seiten. In Deutschland machte ihn vor einigen Jahren sein vielstimmiger Roman Europe Central einem großen Publikum bekannt. Vollmann ist ein Autor von nahezu grenzenloser Produktivität und halsbrecherischer Recherchewut. Er schrieb umfangreiche, lebens- und leidenskluge Bücher über Weiblichkeit in Japan, über Gewalt, über Hobos und Prostituierte. Stets mit einem radikal subjektivem Blick und oft sprunghaften Temperament, das man nun wieder trifft in seinen gesammelten, bisher unveröffentlichten Reportagen, die gerade in einem Band erschienen sind. Sie alle handeln von Armut und absoluter Besitzlosigkeit. 

In Thailand begegnet er der Putzkraft Sunnee, die den Alkohol zu sehr liebt. In Russland begegnet er Natalia, einer Epileptikerin, die jeden Tag auf einer Pappe vor der Kirche sitzt. In Japan trinkt er unter einer Brücke Tee mit Kleiner Berg und Großer Berg, zwei Obdachlosen. Im Jemen spricht er mit einem Thunfischangler, in Kenia mit Prostituierten. Vollmann fährt nach Pakistan, auf die Philippinen, nach Kolumbien, in den Kongo. Auf seinen Reisen sieht er Versehrte, Besitz- und Zahnlose, Ziegel, Abrissschotter, kalten Beton. Er sieht aber auch Gesten, flüchtiges Lächeln, Scheu und Einsamkeit. Wem er begegnet, dem stellt er eine Frage, die sich wie ein Faden durch alle Texte zieht: "Warum bist du arm?"   

Ehrliche Neugier

Schon auf den ersten Seiten sagt Vollmann von sich: "Ich weiß, wie wenig ich weiß." Das ist bei einem weitgereisten, hochbelesenen Schriftsteller wie ihm auch kokette Bescheidenheit. Aber dieser Satz ist durchaus ein ethischer Grundsatz dieses Buchs, und er hat formale und stilistische Konsequenzen. Manche seiner Expeditionen gehen ins Leere, viele bohren sich in Reflexionen hinein und enden in nahezu obsessiven Selbstzweifeln. Das ist alles kein Mangel, sondern ein Prinzip von eingeplanter Kapitulation.    

Vollmanns Formulierungen unterlaufen damit die Leseerwartungen an handelsübliche Milieu- oder Sozialreportagen. Es gibt kein sentimentales Gefühlskolorit, keine übergrelle Belichtung, in der das nichtigste Detail einen ahnungsvollen Schatten wirft. Die Empathie des Autors zeigt sich nicht nur in seinem Verzicht auf laienhafte Psychogramme und auf routinierte Einfühlungsfloskeln, sie zeigt sich auch im aufrichtigen Ernst, mit dem er seine Figuren schildert, in seiner ehrlichen Neugier.  

Eine neue Phänomenologie der Armut möchte er entwerfen, geordnet nach Begriffen: Unsichtbarkeit, Missbildung, Unerwünschtsein, Abhängigkeit, Unfallanfälligkeit, Schmerz, Abstumpfung, Entfremdung. Vielleicht ist der Rahmen, in den Vollmann einige der Texte zwängt, ein wenig zu groß und willkürlich. Aber das ist ebenso verzeihlich wie seine gelegentliche Neigung zu eigentümlichem Abenteurerstolz.