Sommerferien, große Leere, große Freiheit, Langeweile, Aufregung, Verliebtheit, Freibad, Zeltplatz, Glück, Unglück. Für die Serie "Ferienflimmern" haben sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller an die wichtigsten sechs Wochen ihrer Jugend erinnert. Angelika Klüssendorf macht den Anfang.


Dieser Sommer war tagsüber und auch nachts brüllend heiß. Nicht der Hauch von einem Lüftchen. Es gab Waldbrände und andere Katastrophen.
Meine Schwester hatte einen Leistenbruch. Feuerquallen im Meer. Mückenarmeen. Fette, eklige Spinnen. Jede Menge Besoffene, besonders: mein Vater. Er bestand darauf, dass wir morgens im Hotelzimmer Milch tranken. Danach gingen wir raus bis spät in den Abend. Meine Eltern arbeiteten hier als Saisonkellner, und hier war: die Ostsee.

In den Ferienwochen waren wir uns selbst überlassen. Ich quälte meine Schwester, weil sie mich quälte. Wenn sie heulte, sprang die Beule in ihrer Leiste hervor und ich musste ihr den Schlüpfer runterziehen und die Beule zurückdrücken. Meine Schwester heulte oft. 
Ich war neun, sie sieben, und ich war wütend. Die Jungs dachten, ich wäre ein Junge, der auf seine Schwester aufpassen musste. Das mochte an den kurzen Lederhosen gelegen haben oder an meiner Glatze; hatte meine Mutter schlechte Laune, rasierte sie mir den Kopf. Andere Mädchen spielten grundsätzlich nicht mit mir. Meine Haare waren gerade auf drei Zentimeter gewachsen.

Übermut oder Langeweile?
Oder was?
Seit dem Morgen trieben wir uns an den Bahngleisen herum. Hitze. Scheiß Feuerquallen im Meer. Ich hatte ein Schraubglas für Eidechsen dabei, bekam aber nur ein paar Schwänze zu fassen. Meine Schwester heulte wegen ihrer zerkratzten Beine.
Die jucken so.
Piss drauf.
Hab ich schon.
Dann lass mich in Ruhe. 

Die Hitze wie ein großes Flirren. Meine Schwester schwitzte und hatte Durst. Ich aß einen Apfel und spuckte die Kerne auf ihre Füße. Eine einzelne Wolke hing seit Stunden am Horizont. Kohlweißlinge im ausgedörrten Sand. Weißes Mittagslicht. Es würde nie Nachmittag werden. Ich hatte den Apfel nicht mit meiner Schwester geteilt, ihre Stimme klang heiser. Ich drückte ihre Beule zurück, nahm das Schraubglas und ging ohne sie los. Ich würde einen Frosch fangen, groß wie ein Ochsenkopf; ich hatte gelesen, dass es Ochsenfrösche gab, nicht hier, irgendwo in Nordamerika. Meine Fingernägel waren abgekaut, ich stellte mir vor, es würde schneien. Ein Schuppen, die Tür lose in den Angeln, nicht das geringste Geräusch. Zu Hunderten saßen Spinnen an den Wänden. Ich öffnete den Deckel vom Glas einen Spaltbreit und sammelte sie ein, ein dunkles, gruseliges Gewimmel.

Meine Schwester erwartete mich im Schneidersitz, vorwurfsvoll, verheulte Augen: Das werde ich sagen.
Petze.
Ich sage es.
Heul doch, heul doch, heul doch.
Ich werde dich festhalten, wenn deine Glatze wächst.

Ich machte es gründlich. Ich warf sie alle auf meine Schwester. Ich kam über sie, meine Wut kam über sie, mit jeder einzelnen Spinne. Es war nicht nur Wut, es war Hass, auf mich, den Sommer und alle Sommer, die noch folgen würden, bevölkert mit den Gespenstern meiner Kindheit.