In Ta-Nehisi Coates' Essayband We Were Eight Years in Power, der gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist, beschreibt der 43-jährige Autor den Beginn seines Schreibens als die Vision davon, den "gleichen Weg zu beschreiten wie meine Helden, wie James Baldwin oder Zora Neale Hurston. So wie sie versuchte ich […] schwarze Menschen zum Leben zu erwecken, die mehr waren als Comicfiguren, mehr als Fotonegative oder Schatten." Spätestens seitdem Coates Donald Trump als den "ersten weißen Präsidenten" beschrieben hat, gilt er als einer der wichtigsten Intellektuellen Amerikas. Ein schwarzer Schriftsteller erklärt der amerikanischen Nation, warum sie noch immer rassistisch strukturiert ist, warum die Vergangenheit nicht vergehen wird, solange sie nicht anerkannt, aufgearbeitet und mit antirassistischer Politik beantwortet wird.

Nun scheint ausgerechnet Coates' Heldin Zora Neale Hurston ein zentrales Dokument zu dieser Aufarbeitung beizusteuern, und das mehr als 50 Jahre nach ihrem Tod. Seit Mai gibt es ein bisher unveröffentlichtes Werk der Schriftstellerin zu lesen, Barracoon. The Story of the Last 'Black Cargo'. Es erzählt die wahre Geschichte des letzten Schiffes, das 1860 im Rahmen des Sklavenhandels Nordamerika erreichte, und zeichnet dabei das Porträt von Oluale Kossola, einem um 1840 im heutigen Benin geborenen Mann, der als letzter bekannter Überlebender dieses Transports gilt.

Barracoon ist in den USA der literarische Überraschungserfolg dieses Jahres: Binnen drei Wochen stand der 1931 verfasste Text, der fast 90 Jahre lang keinen Verleger fand, auf Rang zwei der New York Times-Bestsellerliste. Das Werk ist auch deshalb so besonders, weil Kossola, der in den USA Cudjo Lewis genannt wird, in ihm über weite Strecken ungefiltert zu Wort kommt. Hurston entfaltet die Lebensgeschichte des 90-jährigen Kossola größtenteils in Form eines Gesprächsprotokolls. Man liest Kossolas eigenes, dialektal gefärbtes Englisch, eine bildstarke, präzise, eindringliche Sprache. Barracoon gewinnt dadurch eine Authentizität, die beinahe ohne Präzedenz sein dürfte. Es gibt kaum ein Dokument, das so unmittelbar von der Sklaverei und ihren Nachbeben in der Gesellschaft der Vereinigten Staaten Zeugnis ablegt.

Die Wiederentdeckung einer großen Autorin

Zora Neale Hurston starb 1960 verarmt in Florida, dort, in der Kleinstadt Fort Pierce wurde sie anonym begraben. Bisher war sie eine writers' writer, eine Autorin, die vornehmlich unter anderen Schriftstellern – oder genauer: besonders unter schwarzen Schriftstellerinnen – renommiert und einflussreich war. In den Zwanzigern war Hurston Teil der Harlem Renaissance gewesen, einer Bewegung afroamerikanischer Künstlerinnen, Musiker und Intellektueller in New York, doch schon Mitte der Dreißigerjahre geriet sie in Vergessenheit. Erst 40 Jahre später wurde ihr Roman Their Eyes Were Watching God aus dem Jahr 1937 wiederentdeckt und als feministisches Maestrapiece von Autorinnen wie Alice Walker oder Toni Morrison zitiert. Heute sind Zadie Smith und Solange Knowles Fans von Hurston; durch Barracoon wird sie endlich einem breiten Lesepublikum bekannt.

Hurstons und Kossolas gemeinsame Geschichte ereignet sich in Africatown, einer von ehemaligen Sklavinnen selbst errichteten Gemeinde, die heute als Plateau, Alabama bekannt ist. In den Dreißigerjahren war es für eine afroamerikanische Frau nicht ungefährlich, alleine in den Südstaaten zu reisen, deshalb hatte Hurston stets eine Pistole bei sich und schlief in ihrem Auto, wenn ihr niemand ein Hotelzimmer geben wollte. Sie schildert die einschneidende Begegnung mit dem ehemaligen Sklaven, vor allem aber dessen Leben in Sklaverei, das davor und das danach: Kossolas Kindheit in der westafrikanischen Region Bantè im heutigen Benin, der Raubzug der Krieger und Kriegerinnen des dahomeyischen Königs Glélé, durch den er zum Sklavenmarkt in Ouidah verschleppt wird, die Entführung nach Amerika. 

Auch eine Coming-of-Age-Geschichte

Kossola erzählt von seiner Jugend in Afrika, von Riten und Bräuchen, es ist auch eine Coming-of-Age-Geschichte, wie man sie noch nicht gelesen hat. Als einziger Überlebender seiner Familie wird er 1860 in eine der titelgebenden Barracoons gebracht, küstennahe Barracken, in denen Sklaven bis zu ihrer Verschleppung eingesperrt wurden. Mit dem Verkauf an amerikanische Sklavenhändler beginnt sein Leben unter weißer Gewaltherrschaft. Im Auftrag des Geschäftsmanns Timothy Meaher aus Alabama entführt der Kapitän John Foster Kossola und 110 weitere Gefangene auf dem berüchtigten Schiff Clotilda in die USA – 50 Jahre, nachdem der Act Prohibiting Importation of Slaves die Deportation neuer Sklaven in die USA verboten hatte. 1865 endet der amerikanische Bürgerkrieg und damit offiziell auch die Sklaverei; 70 Jahre dauert das reale und erzählte Leben Kossolas danach noch an. Es ist voller Schmerz über den teils gewalttätigen Tod seiner Kinder, Ausgrenzung und Armut.

Kossola erzählt davon, wie die ehemaligen Sklaven und Sklavinnen sich ihren Platz und ihre Handlungsmacht in den USA erringen: Die postsklavische Gemeinschaft bildet eine quasi-autonome Gesellschaft, verhandelt ihre eigene Zugehörigkeit und Identität, ihr Verständnis von Recht, Eigentum, Familie und Religion zwischen amerikanischer Prägung und afrikanischem Erbe. Der Text ist damit auch Zeugnis von ungebrochenem Überlebenswillen und Empowerment. Kossolas Geschichte ist nur eine von Millionen, aber in der Aufmerksamkeit für diesen einen Menschen schärft Barracoon den Blick für die Individualität der vielen Lebensgeschichten, die sich zur großen Geschichte verdichten. Barracoon stellt damit auch ein Gegengift zu rechten Gegenwartsbeschreibungen dar, in denen Einzelschicksale in einer Rhetorik der Massen, der Ströme und Horden untergehen.