Im Roman Maikäfer, flieg der Kinder- und Jugendbuchautorin Christine Nöstlinger gibt es eine Passage, bei der dem Leser schon ein wenig der Atem stockt: "Ich dachte: Die Russen kommen und der alte Wawra schaut aus wie die Hannitante. Ich dachte: Die Russen kommen und die Hannitante hat keinen Kopf mehr. Der liegt im Schutthaufen bei der Kalvarienberggasse."

Das lässt eher an Slasher-Filme der Gegenwart denken als an Lektüre für Heranwachsende. Nöstlinger war Zeit ihres Lebens eine No-Nonsense-Schriftstellerin und nie eine Apologetin zuckerlrosa eingefärbter Kinder- und Sehnsuchtswelten mit letzten Einhörnern und Prinzessinnen im güldenen Gewande. Der "Engel", ein Kind aus der Nachbarschaft, den sie in Maikäfer, flieg beschreibt, hat zwar blonde Locken und fährt mit einem Kinderwagen herum. Doch darin liegt eine Katze, der sie ein Kleid auf den Leib gezwängt hat – sichtlich zu deren Unwillen. Also eher Tierquälerei als Alice im Wunderland.

Christine Nöstlinger war im ganzen deutschen Sprachraum berühmt, in Österreich aber eine Institution. Und zwar nicht nur bei ihrer Kernzielgruppe, den Kindern – über die sie, ganz unüblich in ihrem Metier, auch mal sagte, dass ihr manche "sehr unsympathisch" seien –, sondern ganz allgemein. Als Maikäfer, flieg, in dem sie ihre Kindheit am Ende des Zweiten Weltkrieges und den Zusammenbruch des NS-Regimes aus Wiener Perspektive beschreibt, im Jahr 1973 erschien, suhlte sich Österreich noch in der Rolle von "Hitlers erstem Opfer" und war weit von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im "Tausendjährigen Reich" entfernt, die erst mit der sogenannten Waldheim-Affäre 15 Jahre später einsetzte.

Neuer Sound in der Jugendliteratur

Die Schriftstellerin stammte aus einem solide verankerten sozialdemokratischen Milieu in Wien. Sie begann in den 1960er-Jahren eher beiläufig zu zeichnen und zu schreiben. Gleich ihr erstes Buch Die feuerrote Friederike war ein Erfolg und ermöglichte es ihr, aus der Passion eine Profession zu machen. Generationen von Kindern sind mit Werken wie Gretchen, mein Mädchen, Ein Mann für Mama, Wir pfeifen auf den Gurkenkönig oder mit den Geschichten vom Franz groß geworden – jenem kleinwüchsigen Buben, der mit seinen Locken wie ein Mädchen aussieht und über den sie 19 Bände geschrieben hat. Nöstlinger brachte einen neuen Sound in die Jugendliteratur: eine fast hemingwaysche Lakonik, eine Empathie im Gewande der Unsentimentalität, und eine Weisheit, die nie den Horizont der jugendlichen Erzähler ihrer Geschichten überstieg und die trotzdem durchblitzen ließ, dass es noch eine riesige Welt der Magie, aber auch des Grauens jenseits der Wahrnehmungsmöglichkeiten der Adoleszenz gibt.

Christine Nöstlinger konnte, ohne dies ideologisch zu proklamieren, als Rollenvorbild in einer Epoche dienen, die allmählich den willenlosen Gehorsam der Nachkriegszeit ablegte und sich während des Heraufdämmerns von 1968 und der damals gerne zitierten Reformpädagogik von A. S. Neill dem Antiautoritären öffnete: Ihre Kinder durften gerne aufmüpfig und unangepasst sein und ihren Weg im Konflikt mit Autoritäten suchen. Über sich selbst hat die Autorin gesagt, dass sie als Jugendliche "schon viel frecher war als andere in meinem Alter".

Die "Ein-Mann-Buchstabenfabrik"

Aber die Rolle der originellen, ungewöhnlichen und überproportional erfolgreichen Kinderbuchautorin war nur eine der zahlreichen Rollen, die Christine Nöstlinger im öffentlichen Leben bekleidete. Einem Millionenpublikum bekannt wurde sie als Autorin der Serie Dschi Dsche-i Wischer, die 1979 im damaligen Jugendpopsender Ö3 ausgestrahlt wurde. Eine ziemlich erratische Radio-Comedy, in der ein junger Wischer über seine Alltagsprobleme spricht. Die Wischer, verkörpert von einer elektronisch verfremdeten Schauspielerstimme, waren, so erfuhr das Publikum im Laufe der Zeit, seltsame Wesen, die über drei Reihen von Zähnen verfügen, ihren buschigen, seidigen Schwanz täglich bürsten, in einem Iglu wohnen und sich auf Rollschuhen fortbewegen. Mit einem Wort: ein Stück Alltagssurrealismus im Massenprogramm und Vorbild für zahlreiche Komödienformate der darauffolgenden Jahrzehnte.

Christine Nöstlinger machte aber noch viel mehr: Sie schrieb Kochbücher mit originellen Titeln wie Mit zwei linken Kochlöffeln, sie bediente die deutschsprachigen Feuilletons mit Beiträgen zu allen möglichen, auch politischen, Themen. Und sie schuf eine dreiteilige Reihe mit Dialektgedichten: Iba de gaunz oaman Kinda, Iba de gaunz oaman Fraun und Iba de gaunz oaman Mauna. Für deutsche Leser: über die ganz armen Kinder, Frauen und Männer. In gewisser Weise schließt sie darin an die Dialektwelle an, die schon in den 1950er-Jahren mit Dichtern wie H. C. Artmann begann, geht aber doch deutlich auf Distanz zu dem etwa in Med ana schwoazzn Dintn zelebrierten makabren Wien, das schnell zum Klischee wurde. Ihre Dialektlyrik ist näher dran am Alltag der kleinen Leute, den sie in poetischer Verdichtung und mit großer sprachlicher Genauigkeit beschreibt, ohne ihn im Sinne einer fehlgeleiteten Arbeiterliteratur zu glorifizieren.

Verzicht auf das Binnen-I

Nöstlinger bezeichnete sich selbst einmal als "Ein-Mann-Buchstabenfabrik" und brachte ihre Produktivität damit wohl präzise auf den Punkt. Sie war immer links, immer auf der Seite der "oamen Leit", deren Leben sie inspirierte und das sie als Parterrewohnungskind in Hernals nur zu gut kannte.

Doch alles wollte sie nicht mitmachen. Als vor einigen Jahren diskutiert wurde, ob in Kinderbüchern überkommene, heute politisch anstößige Wörter beseitigt oder belassen werden sollten, meldete sich Nöstlinger erbost in einem Beitrag für die ZEIT zu Wort: Sie habe keine Lust, Sheriff zu spielen und in alten Geschichten, die keinem Kind geschadet hätten, Wörter zu verhaften. "Schließlich leiste ich mir auch, auf das politisch korrekte Binnen-I zu pfeifen, bloß weil ich finde, dass man nicht hinschreiben kann, was man nicht aussprechen kann." Nur, um dann maliziös hinzuzufügen: "Aber bei allen Lesern, die das Binnen-I in diesem Beitrag schmerzlich entbehrt haben, entschuldige ich mich natürlich zerknirscht."

Christine Nöstlinger ist nach kurzer, schwerer Krankheit am 28. Juni in Wien-Ottakring gestorben. Sie wurde 81 Jahre alt.