Wenn es stimmt, dass im Augenblick des Todes das ganze Leben im Schnelldurchlauf an einem vorbeizieht, dann ist Denis Johnsons Erzählband Die Großzügigkeit der Meerjungfrau ein poetisch gefrorenes Einzelbild dieses finalen Moments. Seit seinen frühen Erfolgen – Angels, Jesus' Son – hat der große Gegenwartserzähler, der im Mai 2017 an Leberkrebs starb, die Nähe des Todes als Kontrastfolie genutzt, vor der die kleinen und großen Intensitäten des Lebens umso heller erstrahlen. Angesichts seiner Krebsdiagnose sind die Worte, mit denen er die Erzählung Triumph über das Grab beendet, allerdings weder kokett noch übermäßig metaphysisch zu verstehen – sie sind einfach nur traurig und wahr: "Ihnen dürfte klar sein, dass ich in dem Moment, da ich das schreibe, nicht tot bin. Aber wenn Sie es lesen, vielleicht schon."

Kein Wunder, dass Johnsons Figuren – drei leidlich erfolgreiche Mittsechziger, ein junger Rowdy und ein Junkie auf Entzug – in leichten Variationen dieselbe Malaise befällt: eine jähe "Traurigkeit über das Tempo des Lebens". Whit, ein gestandener Werbefachmann Anfang sechzig, wird von dieser Gefühlswallung derart übermannt, dass er die Kontrolle über seinen Wagen zu verlieren droht. Erinnerungen stürzen auf ihn ein; doch anstatt im Zeitraffer die wichtigsten Stationen seines Lebens (Karriere, Heirat, Kinder) abzuarbeiten, fädelt Johnson in gewohnt lakonischer Manier alltägliche Missgeschicke und skurrile Zufälle aneinander: von der Dinnerparty, bei der ein Afghanistan-Veteran dazu aufgefordert wird, seinen Beinstumpf vorzuzeigen, bis hin zu einem obszönen Angebot auf einer New Yorker Toilette, hinter dem die Preisverleihung, zu der Whit angereist war, komplett verblasst. Die gängigen Parameter gesellschaftlichen Erfolgs lässt Johnson nonchalant links liegen. Whits Ehefrau agiert als "gute Gefährtin" im Hintergrund; über seine zwei Töchter erfahren wir lediglich, dass sie "weder schön noch klug" sind.

Die Furcht vor dem Vergessenwerden

Stattdessen kondensiert sich in Whits Gedächtnis ein Narrativ der Sterblichkeit, das ihm zunächst durch Dritte zugetragen wird, dann jedoch zusehends selbst zu Leibe rückt. Whits Kollege führt Interviews mit einem Häftling in der Todeszelle; ein exzentrischer, religiöser Maler rettet das Handy eines Verstorbenen aus dem Gebüsch. In der nächsten Vignette findet Whit sich wieder auf der Trauerfeier für ebenjenen Maler und bekommt zu hören, er sei dessen bester Freund gewesen. Whit wundert sich. "Tonys bester Freund? (…) Ich kannte ihn kaum." Deutlich schwingt in seiner Verwirrung die Furcht vor der eigenen Auslöschung mit, einem Vergessenwerden, das möglicherweise längst – hier, mitten im Leben – eingesetzt hat.

"Schicksalsergeben und selbstgenügsam, sozusagen als Witwen ihrer selbst" leben die drei Mittsechziger (neben dem Werbefachmann zwei Schriftsteller) ihrem Ende entgegen. Doch auch die beiden jüngeren Protagonisten, der Junkie und der Sträfling, die direkt Johnsons Erzählband Jesus‘ Son entsprungen sein könnten, tragen stark autobiografische Züge.

Ein eigentümliches Schrumpfungsempfinden

"Ich bin zu nah an den Rand geraten und rausgeschleudert worden", schreibt der 32-jährige Mark im "Starlight", einer heruntergekommenen Entzugsklinik, an seine Jugendliebe, an Vater und Oma, an Satan und den Papst. So hätte es auch kommen können, mag man sich denken, hätte Johnson nicht Anfang der Achtzigerjahre dem Alkohol- und Drogenkonsum entsagt. So markieren die "Angelhaken", die Mark auf Anraten seines Therapeuten hin in Form nie abgeschickter Briefe auswirft, zugleich Weggabelungen und Wendepunkte, von denen aus der Autor alternative Lebenswege durchspielt, parallele Leben, die mal mehr, mal weniger dicht am Tod entlangschrappen. "Warum sind Sie eigentlich nicht tot?", wird Mark immer wieder von verwunderten Ärzten gefragt – schließlich wurde der junge Mann, abgesehen von seinen Drogenexzessen, bereits mehrfach angeschossen und überfahren. Und diese Frage trifft vielleicht den Kern von Johnsons Poetik: die Ahnung, dass der Zeitpunkt des eigenen Todes nicht in der Zukunft, sondern vielmehr in der Vergangenheit zu verorten ist.

In Triumph über das Grab reist ein Schriftsteller zu einer abgelegenen Ranch in Texas, um dort bei seinem alten Bekannten Darcy nach dem Rechten zu sehen. Dieser kommuniziert, verlässlichen Quellen zufolge, seit einiger Zeit nur noch mit seinem verstorbenen Bruder und seiner verstorbenen Schwägerin. Darcy streitet das auch gar nicht ab. Der Besucher versucht es nun mit pragmatischer Logik: Ob Darcy die Gespenster daran erinnert hätte, dass sie bereits tot sind? Darcy reagiert empört. "Nein! Was würden Sie denn denken, wenn ich jetzt zu Ihnen sagen würde: He, Mann, Sie sollten doch tot sein?" Der Schriftsteller bleibt um eine Antwort verlegen. Tatsächlich hatte er auf dem Weg zu Darcys Ranch ein eigentümliches "Schrumpfungsempfinden", das mit jeder Grenze, die er passierte, stärker wurde: vier gut gesicherte Gatter, einen Bach und schließlich einen Schwarm Geier. Hat er gar bereits den Styx überquert?