Es gibt Medikamente, deren Therapieerfolg davon abhängt, wie es gelingt, den Wirkstoff in den Körper einzuschleichen und langsam wieder auszuschleichen. Das ist mit Nebenwirkungen verbunden. Ein friedlicher Mensch kann sich in eine Kampfmaschine verwandeln. Dauert die Therapie zu lange, lässt die Wirkung nach. Mehr hilft nicht mehr. Abruptes Absetzen des Wirkstoffs kann gefährlich sein.

Wer bei Twitter und Facebook dabei zusieht und mitmacht, wie erbittert, wie gehässig und wie verletzend gestritten wird, hat den Eindruck, dass die Plattformen eine Falle gebaut haben, aus der es kein Entkommen gibt. Sie baut auf einen Wirkstoff, der seine User in Nutztiere verwandelt. In ihr gefangen zu sein, bedeutet augenblickliche Höchstdosis. Eine internistische Langzeitbeobachtung könnte zu dem Ergebnis kommen, dass es hohe Korrelationen zwischen der Ausschüttung von Stresshormonen, hohem Blutdruck, Herzrasen und nackter Verzweiflung infolge der Teilnahme an Diskussionsschlachten gibt.

Das bleibt nicht auf sensible Gemüter beschränkt. Auch hartgesottene sachkundige Streiterinnen und Streiter kann das Sozialmedienrasen ereilen und übermannen. Ob jemand recht bekommt oder nicht, scheint nur in Kauf genommene Neben- oder Wechselwirkung zu sein. Mit den vorgeblich verhandelten Sachen hat die Symptomatik kaum zu tun.

Hart und kunstvoll

Trainierte Kampfschläfer – sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit offenen, sehr wach wirkenden Augen Präsenz simulieren, wenn sie tief schlafen – haben in diesem Spiel einen Vorteil. Sie haben die Achterbahn abrupt wechselnder Glückshormonspiegel hinter sich. Wenn sie dann auch noch so abgebrüht und abgeklärt sind wie Günter Hacks Romanheld Kevin, durchzieht ihr Leben eine doppelte Spur, in der die Erinnerung an eine untergegangene Zeit, die radikale Einsicht, dass sie nicht wiederkommen wird, und am Ende der Versuch, das System mit einem Trick zu überlisten, zusammenfinden.

Günter Hack hat mit dem Roman QUIZ ein Sportmärchen des digitalen Zeitalters geschrieben. Philosophisch resümiert er so beiläufig wie hart und kunstvoll die Schocks, die die politische Entwicklung seit 1970 genommen hat, als die "gewinnabhängige Klasse" (Wolfgang Streeck) den sozialpolitischen Konsens gekündigt hat.

Das Personal des Romans sind die Journalistin Susanne, die vor laufenden Kameras einen rechtsradikalen Spitzenpolitiker geohrfeigt hat und sich am Ende ihrer Karriere glaubt, Dr. Müller, dessen Vater im Auftrag Heinrich Himmlers in Japan nach dem tibetischen Buch des Lebens suchte, sowie Kevin und sein Papa. Kevin hat Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaft studiert, in den Neunzigerjahren in der Agenturwelt der New Economy in Ludwig Maximilians Imperium Karriere gemacht und war bald darauf völlig pleite. Sein Papa schreibt Schundromane in Serie und hat das Haus, in dem er seinen Lohnschreiberjob mit Schreibmaschine erledigt, mit einem Lottogewinn bezahlt.

Die Maschine als Kontrapunkt

Mit Lohn oder Honorar aber ist nichts mehr zu gewinnen. Aus dem homo ludens ist der homo loser geworden. Kevins erneuter Anlauf, aus der Prekarität zu finden, beginnt im Internet bei der "Aua-Aua-Community", für die er als Non-Player-Charakter wie geschaffen zu sein scheint: Mit Saugnäpfen befestigt man Sensoren an seinem Leib, und dann diskutiert die Community über das, was gerade mit dem Körper passiert. Aus dem Teufelskreis solcher blöden Jobs katapultiert ihn die Teilnahme an einer neuen Quizshow, die er mit Bravour durchläuft. Hans Rosenthals Dalli Dalli steht bei dem TV-Format Pate.

"Nach dem Krieg ging er hinaus und wurde Entertainer. Er trat Woche für Woche vor einem Publikum auf, dessen wichtigstes Ziel vor nicht allzu langer Zeit darin bestanden hatte, ihn und seinesgleichen auszurotten. Rosenthal lächelte sie an. Er stellte ihnen seine Fragen, spielte mit ihnen Spiele und sang. Ab und zu sprang er in die Luft, blieb dort für Sekunden hängen und teilte ihnen mit, sie wären spitze. Spitze! Er musste dabei Todesangst durchlitten haben, jedes einzelne Mal. Wenn er ins Publikum schaute, sah er nichts als Wahnsinnige und Mörder. Aber sehen Sie ihn an: Er ist schwerelos. Er schwebt. Man merkt ihm überhaupt nichts an!"

Günter Hack ist gelernter Schriftsetzer und hat bei Peter Glotz in St. Gallen über die TV-Show Big Brother promoviert. Er beherrscht sein Handwerk und lässt auch komplexe philosophische Ideen in den Roman einschleichen. Es gibt Referenzen, die er benennt. Das sind Michel Foucault und William Gibson. Andere erwähnt er nicht, aber ihre Ideen und ihr Wahnsinn beleben ihn. Vorneweg Thomas Pynchon, aber auch der Filmemacher Chris Marker und sein Film Sans Soleil, in dem Marker in Tokio und von den Kapverden aus Pole des Überlebens in unserer Zeit besucht. Die japanische Gegenwart ist das Labor, in dem die dystopischen nächsten Zukünfte erprobt werden.

Die Dramaturgien des politischen Geschäfts

Auf Twitter ist der Autor Günter Hack ein Spieler, der sich aus dem Spiel nimmt, wenn Einschläge und ihr Fallout die Timeline beherrschen. Zu oft hat er gesehen und erlebt, wie vergeblich es blieb, in der Maschine als Kontrapunkt zum Delir an Gedanken festzuhalten. Er ist ein melancholischer Schelm, der auf Schwäche setzt, statt Siegern hinterherzujohlen.

Mit QUIZ macht er ein Spielangebot. Lebte Christoph Schlingensief noch, müsste er den Roman verfilmen. Ulrich Matthes wäre der geborene Kevin, weil er als Sohn eines Blattmachers und als aufmerksamer Zeitungsleser in Kevin einem absurden Nichthelden unserer Zeit Gestalt geben würde. 

Wer auf der Suche nach einem Gegenmittel für die Erregungskurven der Sozialmedien ist, das dazu beiträgt, die Dramaturgien des politischen Geschäfts zu durchschauen und hermeneutische Gefühlswallungen zu relativieren, der wird an diesem Roman Freude haben. Denn er holt Science-Fiction so nah in die Gegenwart zurück, dass die Zukunft eine letzte Chance bekommt.

Günter Hack: QUIZ. Frohmann Verlag, Berlin 2018, 241 Seiten, 24,90 €