Der "Fall Dora" war eine von Sigmund Freuds ersten Fallgeschichten. Für die Entstehung der Psychoanalyse war er wesentlich. Dora hieß in Wirklichkeit Ida Bauer. Nach elf Wochen brach die damals 18-Jährige Freuds Behandlung ab – ein einmaliger Vorgang. Ida Bauer war die Urgroßmutter der Schriftstellerin Katharina Adler, die in ihrem nun erschienenen Debütroman "Ida" nicht nur Doras Leben und die Geschichte derer Familie schildert, sondern ein halbes Jahrhundert voller politischer und sozialer Umbrüche erzählt. Wir haben die Schriftstellerin zum Gespräch getroffen.

ZEIT ONLINE: Frau Adler, Ihr Debütroman Ida erzählt von Ida Bauer, die als Sigmund Freuds Fall Dora berühmt wurde. Es ist ein sehr persönlicher Roman, Ida Bauer war Ihre Urgroßmutter. Wann ist ihre Geschichte in Ihr Leben getreten?

Katharina Adler: Ich muss zwischen 14 und 16 gewesen sein, als es mir zum ersten Mal erzählt worden ist, eher beiläufig: Jaja, deine Urgroßmutter war ja bei Sigmund Freud.

ZEIT ONLINE: Konnten Sie damit etwas anfangen?

Adler: Ich dachte damals: Ein bisschen besonders ist das jetzt schon. Aber ich habe es lange nicht weiterverfolgt. In meinem Amerikanistikstudium bin ich dann zum ersten Mal grundsätzlich mit wissenschaftlicher Literatur in Kontakt gekommen. Und in dieser Zeit hat mir auch meine amerikanische Verwandtschaft erzählt, auf Ida Bauer, also auf Dora, angesprochen worden zu sein. Wegen dieser Kombination meines Studiums und der Erfahrung, dass der Fall in Amerika viel berühmter oder relevanter ist als im deutschsprachigen Raum, habe ich gedacht: Ach, ich lese mal die Fachliteratur dazu. Es war eine sehr langsame Entwicklung über bestimmt 15 Jahre. Sechs Jahre habe ich dann an dem Roman geschrieben.

ZEIT ONLINE: Warum ist der Dora-Fall überhaupt so berühmt geworden?

Adler: Das hat viele Gründe. Zum einen natürlich, weil eine Patientin sich verweigerte, zum anderen ist es Freuds Praxisbeispiel zur Traumdeutung. Und es ist einer der wenigen Fälle, in denen Freud Einblick in die frühe Technik der Psychoanalyse gibt. Erst durch Idas Abbruch hat Freud auch das Modell der Übertragung entwickelt. Und die Ödipus-Fabel wird hier bereits erwähnt, noch nicht das ausgereifte Konzept des Ödipus-Komplexes, aber die Fabel schon.

ZEIT ONLINE: Sie erzählen Idas Geschichte nicht chronologisch. Der Roman beginnt 1941, als Ida Bauer in New York mit dem Schiff ankommt. Sie hat vieles hinter sich, sie ist verwitwet, ihr Bruder ist gestorben, sie ist vor den Nazis geflohen, musste ihr ganzes Leben in Europa zurücklassen.

Katharina Adler: "Ida", Rowohlt 2018, 512 Seiten, 25 € © Rowohlt

Adler: Die Szene habe ich tatsächlich auch als erstes geschrieben. Für mich war das beim Schreiben der Durchbruch, zu einem Zeitpunkt von Ida Bauer erzählen, an dem sie am weitesten von Freud weg ist und am ehesten meine Urgroßmutter. Ein Zeitpunkt, zu dem sie mit Menschen zu tun hat, die ich noch kannte.

ZEIT ONLINE: Der Roman spielt dann vor allem in Österreich, im Wien der Jahrhundertwende, Erste Republik, dann kommen politisch unruhige Zeiten, Erster Weltkrieg, die Nazizeit, Zweiter Weltkrieg.

Adler: Das war eine Gratwanderung. Diese ganzen geschichtlichen Umstände … und Ida irgendwie im Epizentrum. Da war die Frage schon: Wie binde ich das alles ein, ohne dass es wie ein Geschichtsbuch wirkt? Ida Bauer hatte auch mit so vielen Leuten zu tun, die von geschichtlichem Interesse sind. Ich wollte ja nicht mit sämtlichen Namen der Wiener Jahrhundertwende um mich werfen. Ich hatte mir am Anfang gar nicht klar gemacht, was meine Urgroßmutter alles erlebt hat, Systemumbrüche, Kriege und so weiter. Ich bin jetzt 38, und was hat sie erlebt, bis sie 38 war.

ZEIT ONLINE: Sie sagt schon in dem Alter, sie sei ja eine alte Frau.

Adler: Ja, das hat auch mit einem gewissen Frauenbild dieser Zeit zu tun. Aber Ida fühlt sich oft recht alt, auch gleich nachdem sie bei Freud war. Ihr Gefühl, schon in jungen Jahren alt zu sein, ist eine Beschreibung dafür, was man heute vielleicht depressive Verstimmung nennen würde.

ZEIT ONLINE: Als Ida 13 Jahre alt ist, wird sie von Hanns Zellenka, einem Freund der Familie, sexuell belästigt. Er bedrängt sie über Jahre. Ida Bauer leidet bald unter schwerem Husten und Aphonie, also Stimmverlust. Als sie 18 ist, schickt ihr Vater sie zu Sigmund Freud.

Adler: Freud war zu dieser Zeit Nervenarzt der klassischeren Art. Und auch Ida wird vom Vater erst einmal im Glauben da hingeschickt, dass Freud ein normaler Doktor sei. Ida geht nicht freiwillig. Sie wird dazu gezwungen.

ZEIT ONLINE: Aus feministischer Perspektive kann man Freuds Gesprächsführung eine Menge vorwerfen. Stereotype, die heute noch über weibliche Sexualität existieren: Das weibliche Begehren sei etwas Unbewusstes und Unterdrücktes. Wenn eine Frau Nein sage, meine sie eigentlich Ja ...