In diesen Monaten, in denen die Krise des Buchmarkts, der Schwund von Leserzahlen und das Ende der Buchkultur so explizit diskutiert werden wie selten zuvor, kommt man kaum umhin, sich an ein Diktum Hans-Magnus Enzensbergers zu erinnern: jenes vom "Tod der Literatur". Zumal diese Formel aus dem legendären Kursbuch 15 gerade ihr fünfzigjähriges Jubiläum feiert.

Vielleicht ist es auch durchaus sinnvoll, Enzensbergers These noch einmal zu bemühen. Man kann und sollte sie unbedingt nicht als einen finalen Untergangsbefund, sondern als die Markierung und Bekräftigung einer kraftvollen Erneuerungsbewegung lesen, weg vom literarischen Establishment und den Formen der Nachkriegsliteratur, hin zur Offenheit der literarischen Formen und des literarischen Experiments. Und auch hin zu einer noch einmal anderen Form des gesellschaftspolitischen Engagements der Literatur, als es bis dato durch die Gruppe 47 vertreten wurde. Nicht zuletzt war Enzensbergers Ausspruch natürlich einer jener bewussten und probeweisen Provokationen, mit denen er in den vergangenen Jahrzehnten immer einmal wieder Impulse nicht nur in die literarische Welt geschickt hat, sondern auch Lebenszeichen der Literatur in die Welt.

Wie wünschenswert wäre es, wenn die Tage der deutschsprachigen Literatur, die Mittwochabend in Klagenfurt eröffnet worden sind und in denen bis Sonntag 14 Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre Texte präsentieren und von einer siebenköpfigen Jury coram publico kritisiert werden, ebenfalls ein solches Lebenszeichen senden könnten. Und wie wesentlich wäre es, dass am Ende nicht nur resümiert wird, ob das Teilnehmerfeld für einen guten oder mittelmäßigen Zustand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur spricht (gern auch verwendet wird an dieser Stelle die Formulierung "Jahrgang", die aber beim Wein doch wesentlich besser aufgehoben ist).

Gegen die Armenhasser

Die medialen Voraussetzungen sind gegeben – auf verschiedenen Kanälen, im TV, Radio und Internet – können Lesungen und Jurydiskussionen mitverfolgt werden. Und die Auftaktveranstaltung hat – nach den üblichen, recht trägen Protokollzeremonien – einen Ton angeschlagen, von dem man hoffen kann, das er nachhallt in den kommenden Tagen.

Feridun Zaimoglus Rede zur Literatur war ein flammendes Plädoyer, ebenso poetisch wie politisch, obgleich Zaimoglu ja nun wirklich nicht dafür bekannt ist, dass er seine Überzeugungen auf die Deutlichkeit eines Leitartikels herunterschraubt. Wenn er das in Zeiten ändert, in denen in Deutschland über die Einführung von Transitzentren diskutiert wird und in denen in Österreich die schwarz-blaue Regierung nicht nur in der Asylpolitik einen aggressiven Kurs fährt, sondern auch den Kultur- und Medienbetrieb attackiert, dann kann man nur hoffen, dass sich Zaimolgu viele Stimmen anschließen werden.

Gegen die Armenhasser, gegen die Frauenhasser, gegen die Fremdenhasser. Wie eine Art Refrain zogen sich diese Worte durch Zaimoglus Rede, in der er sich gegen das Diktat der Leistungsgesellschaft genauso verwehrte wie gegen das Patriarchat – sowohl in der westlichen als auch in der islamischen Welt – und vor allem gegen dumpfen Patriotismus.