Die Vergangenheit, die individuelle, biografische genauso wie die der Gesellschaft, ist eine vertrackte Sache. Ohne das Wissen um die eigene Geschichte würde man wohl einigermaßen hilflos in der Welt umherstraucheln. Und zugleich kann die Vergangenheit ein schwerer Rucksack sein, den man nicht abschütteln kann, auch wenn er einen in der Gegenwart niederdrückt und alle künftigen Fußstapfen vorzugeben scheint.

Recht viele der Texte, die während des diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt vorgetragen wurden, verhandelten eben jene Ambivalenz dieses Erbes. Niemand allerdings tat das so voller Witz, Sinnlichkeit, halb feiner, halb gnadenloser Ironie wie die 1983 geborene Tanja Maljartschuk, die Leser von ZEIT ONLINE auch als Autorin des Schriftstellerblogs Freitext kennen werden.

Maljartschuk erzählt in Frösche im Meer die eigenwillige Freundschaft zweier Verlorener: Petro, der vor vielen Jahren aus der Ukraine nach – vermutlich – Wien geflohen ist und dort ohne Pass lebt, und Frau Grill, einer beinahe neunzigjährigen, demenzkranken Dame, der die Welt sukzessive entgleitet und die sich mehr und mehr in die Welt der Fantasie flüchtet. Einsam sind diese beiden Figuren und bleiben es auch in der zarten Geborgenheit ihres Miteinanders, das Maljartschuk in einer schönen Ambivalenz belässt. Frösche im Meer ist dabei keine Erzählung, die konkret auf die Flüchtlingsdebatte aufspringt. Petro hat sein Dorf vor Jahren verlassen, vielleicht nur aus enttäuschter Liebe oder um den alten Festlegungen zu entkommen.

Für eine in ihrer Schlichtheit und gedimmten Melancholie überzeugende Variante des Umgangs mit der eigenen Vergangenheit wurde Bov Bjerg mit dem Deutschlandfunkpreis ausgezeichnet, ein Autor, dem vor zwei Jahren mit seinem Roman Auerhaus ein Bestseller gelungen ist. Eine nostalgische und amüsante Beschwörung der kurzen, intensiven, aber eben auch vergänglichen Freiheit, die die Jugendzeit verspricht, war es in Auerhaus.

Die Bürde der Familie

Serpentinen, Bjergs in Klagenfurt präsentierte Geschichte, ließe sich geradezu als Komplementärtext dazu lesen: eine Erzählung über einen Mann, der dem ersten Anschein nach einen Ferientag mit seinem kleinen Sohn verbringen will. Nach und nach aber ahnt man, dass dieser Mann auf der Flucht ist; dass er auszubrechen versucht aus dem eigenen versteinerten, von der familiären Vergangenheit zugerichteten Dasein – womöglich der einzige Ausweg, der ihm bleibt, wenn er sich nicht das Leben nehmen will, wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater es getan haben. Ob ihm dieser Ausbruch gelingt, bleibt unsicher, genauso wie die noch viel entscheidendere Frage, die den Mann umtreibt: ob es ihm gelingen wird, die genealogische Bürde immerhin dem eigenen Sohn nicht aufzubürden, oder ob vielleicht gerade ihr Verschweigen sie zu einer solchen macht.

Bjergs Sprache ist angenehm zurückgenommen und schnörkellos, dabei aber gleichzeitig von einer Schlichtheit, die nicht rückhaltlos begeistern muss. Schön ist dennoch, dass er als etablierter Autor, für den eine Teilnahme in Klagenfurt ja stets ein besonderes Risiko darstellt, sich hier nicht nur präsentiert hat, sondern das auch mit einem Text, der überraschende Töne angeschlagen hat.

Während Bjerg sich auf Schlichtheit konzentrierte, könnte ein bloßer Blick auf das Schriftbild des Textes ich brenne der 1983 geborenen, bisher vor allem als Lyrikerin in Erscheinung getretenen Özlem Özgül Dündar sprachliche Radikalität suggerieren. Wenngleich die konsequente Kleinschreibung und die Aussparung jeglicher Satzzeichen so avanciert nicht sind. Dündars Vortrag allerdings, bei dem die Autorin konventionell jedes der unsichtbaren Satzzeichen an der erwartbaren Stelle mitlas, offenbarte wiederum, dass das Schriftbild kaum mehr als Staffage war, sodass sich der Eindruck einer gewissen Biederkeit einstellte. Die Jury zeigte sich jedoch angetan von Dündars Text, den man als Gedenken an die Opfer der rechtsradikalen Anschläge von Solingen lesen könnte. Die Monologe von Müttern der Opfer- wie der Täterseite kommen allerdings ohne zeitliche und örtliche Festlegung aus. Dass in dieser Mutter-Montage Innen- und Außenperspektive immer einmal wieder relativ unbekümmert durcheinandergehen, störte augenscheinlich wenig. Für den Kelag-Preis genügte es.