Sommerferien, große Leere, große Freiheit, Langeweile, Aufregung, Verliebtheit, Freibad, Zeltplatz, Glück, Unglück. Für die Serie "Ferienflimmern" haben sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller an die wichtigsten sechs Wochen ihrer Jugend erinnert. Auf María Cecilia Barbetta folgt nun Marion Poschmann.


Noch heute frage ich mich, um was es sich handelte. Ein Duft, verbunden mit heißen Sommertagen, mit den allerheißesten, ein Geruch, der vor allem an den Tagen aufkam, die wir im Freibad verbrachten. Schon auf dem Weg dorthin, schon wenn wir an der Kasse standen, schwebten Fetzen dieses Duftes heran, süßlich und frisch, verheißungsvoll wie ein sonniger Morgen. 

Im Freibad roch es nach zerdrücktem Gras, auf dem Leute mit ihren Decken lagerten, es roch nach dem Plastik der Schwimmreifen und Schwimmflügel, die mit ihrer Schweißnaht an den Armen schabten, es roch nach dem Chlor der Wasserbecken und nach der desinfizierenden Fußdusche, die man betätigen musste, bevor man den Badebereich betrat. Es roch nach Eiscreme und den hartgekochten Eiern aus den Kühltaschen, es roch nach Pommes Frites vom Kiosk und nach zuckerhaltigen Limonaden, es roch nach sonnenerhitztem Laub, wenn durch die Bäume am Rand der Liegewiese ein warmer Wind ging.

Immer wieder aber zog ein ganz anderer Geruch über das Gelände, in Wölkchen und Schwaden, Duftpartikel wie von Blüten oder von Parfüm. Wenn ich mit tropfenden Zöpfen auf meinem Handtuch lag und las, kam wie eine Erinnerung dieser Geruch herangeschwebt und verflüchtigte sich wieder, nie konnte ich zuordnen, woher er kam. Ich bilde mir ein, es müsse sich um eine Sonnencreme gehandelt haben, aber niemals habe ich jemanden gesehen, der sich mit solcher Sonnencreme einrieb und als Quelle dieses Duftes auszumachen war. Unsere Sonnencreme roch vollkommen anders, nach Sonnencreme eben.

Sonnencreme, Sonnenmilch, Sonnenöl: Mehrere Sommer verbrachte ich damit, Sonnenschutzmittel auf ihre olfaktorischen Qualitäten hin zu vergleichen. Meine Freundinnen benutzten andere Sorten als ich, sie rochen im Sommer anders als im Winter, im Freibad anders als in der Schule, aber keine von ihnen strömte diesen speziellen Duft aus. Eine Zeit lang verfolgte ich die Theorie, dass es sich bei meinem Sommergeruch um ein russisches Parfüm handeln müsste. Ich schoss mich auf die Marke Rotes Moskau ein, obwohl ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie dieses Parfüm roch, und mich heute auch frage, wie ich damals eigentlich zu der Kenntnis kam, dass es überhaupt existierte.

Der Geruch trat jedes Jahr wieder auf, aber immer nur punktuell, immer nur kurz, und vor meinem inneren Auge stand ein Flakon, das ich weder in natura noch auf Abbildungen je gesehen hatte und dessen Bild ich heute im Internet wiedererkenne. Ich müsste eins anschaffen, um meine These endlich zu überprüfen. Aber trug man wirklich zum Baden Parfüm?

Nun bin ich diesem speziellen Geruch schon jahrelang nicht mehr begegnet. Ich gehe auch nicht mehr ins Freibad. Trotzdem warte ich auf ihn, jeden Sommer, weil der Sommer für mich mit diesem Duft beginnt.