Sommerferien, große Leere, große Freiheit, Langeweile, Aufregung, Verliebtheit, Freibad, Zeltplatz, Glück, Unglück. Für die Serie "Ferienflimmern" haben sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller an die wichtigsten sechs Wochen ihrer Jugend erinnert. Auf Angelika Klüssendorf folgt nun Lutz Seiler.


Meine Eltern waren immer sehr besorgt und hatten ein umfängliches Regelwerk entworfen, das mich beschützen sollte. In meiner Erinnerung erzeugte das Regelwerk einen eigenen Ton, ein feines Summen oder Brummen, genauer gesagt war es das beständige Rumoren der Sorge, das auch an den sonnigsten Tagen nicht verstummte; es war der Grundton meiner Kindheit. Das Regelwerk beeindruckte mich, es hielt mich im Zaum. Nur sehr langsam, nach und nach, wurde mir seine Formelhaftigkeit bewusst. Ich glaubte zu erkennen, dass die Aufmerksamkeit meiner Eltern mehr der Wahrung ihrer Regeln galt als mir selbst, dem einzigen Kind. Ein gegenteiliger Effekt trat ein: Ich verlor das natürliche Gefühl für Gefahr, ich meine, für wirklich bedrohliche Situationen, letztlich für die eigene Sterblichkeit. Stattdessen der Irrglaube, dass jenseits der Vorschrift, also bei geschickter Umgehung der Regeln, doch einfach alles möglich sein müsste. 

Ich wurde sehr leichtsinnig. Ich stürzte vom Baum und landete im Krankenhaus. Ich geriet in Schlägereien und dabei immer an den falschen Gegner. Mit 13, in den Sommerferien, die ich am liebsten auf dem Bauernhof meiner Großeltern verbrachte, sprang ich aus großer Höhe vom Dach einer Scheune und rammte mir das eigene Knie ins Auge, auf eine Weise, dass ich beinah erblindet wäre. Ein pfenniggroßes Stück Knochen war aus der Rundung meiner rechten Augenhöhle gebrochen. Für die Augenärzte war das ein seltener Unfall, also interessant. Sie suchten den Knochenpfennig und konnten ihn einfach nicht finden; er war irgendwohin weggerutscht, einbezahlt. Ich saß mitten im Behandlungszimmer auf einem Stuhl, und einer der Ärzte tastete meinen lädierten Schädel ab, immer wieder. "Tut das weh? Und das?"

Meine Eltern besuchten mich damals fast täglich in der Augenklinik; sie schenkten mir ein kleines Transistorradio, mit dem ich am Wochenende die Spielberichte zur Fußball-Oberliga abhören konnte. Sie saßen da an meinem Bett, der Schreck stand ihnen noch immer ins Gesicht geschrieben, und ich fand, dass sie damit übertrieben.

Eine Schwierigkeit wurde das große glänzende Ei, das über meinem rechten Auge entstanden war, eine obskure Schwellung, die, wie sich bald zeigen sollte, einfach nicht abklingen wollte. Ich verspürte keinerlei Schmerz, fühlte mich eigentlich gesund, trug eben nur dieses Ei am Kopf und war voller Trauer –  wegen des verlorenen Sommers.

Sechs Wochen verbrachte ich dort in der Augenklinik. Draußen tobten die großen Ferien und ich saß im Krankenhaus fest. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Langeweile empfand, ich war ansonsten nicht der Typ dafür, eigentlich gab es immer etwas, das mich in Anspruch nahm. In meinem gestreiften Schlafanzug schlurfte ich durch die Krankenhausflure und eines Tages, am Ende der dritten oder vierten Woche, entdeckte ich die Tür, die vom Vestibül direkt in den Keller führte. Ich hatte damit gerechnet, zurückgerufen zu werden, aber niemand achtete auf mich.

Die Treppe nach unten war ungewöhnlich breit und schön geschwungen. Etwas Licht kam von den Schächten vor den Kellerfenstern. Überall gab es Becken und Badewannen, die Fliesen an den Wänden waren rissig und vergilbt, die Rohre verrostet. Im größten Keller standen drei gusseiserne Wannen an der Wand, wie die Loren einer kurzen Untertage-Eisenbahn, die Zugmaschine war ein großer Badeofen mit einem schwarzen Ofenrohr. Ich bestaunte das Gefährt und hielt den Atem an – in der mittleren Wanne war etwas, das sich bewegte. Ich trat heran, und dann sah ich es: Zwei große, dunkel glänzende Fische glitten nervös hin und her. Natürlich hatten sie mich längst bemerkt; es war ein fantastischer Anblick. Eine Weile stand ich so, unbewegt.      

Jemand hielt Fische hier unten, in den ehemaligen Wasch- und Baderäumen der Augenklinik, aber darüber habe ich damals nicht nachgedacht. Ein leises Donnergrollen zog von oben heran, ein dumpfes Vibrieren, das auch auf der Wasseroberfläche sichtbar wurde – ein Krankenbett vielleicht, auf seinem Weg zum OP. Ansonsten war es still, und auch in mir war alles still. Ich sah ihre Augen; ohne Zweifel blickten die Tiere mich an. Ich legte eine Wange auf den Wannenrand und kühlte das Ei über meinem Auge. Dann streckte ich meine Hand aus, ganz langsam, und legte sie vorsichtig auf den Grund der Wanne; das Wasser ging mir bis zum Ellenbogen, es war eiskalt. Die Fische mussten jetzt an meinem Arm vorbei, und manchmal streiften sie ihn, ganz leicht. Es war diese Berührung – es gibt keine Worte dafür. Bis heute könnte ich nicht sagen, ob ich damals vollkommen glücklich oder vollkommen unglücklich war, im Keller der Augenklinik.