Sommerferien, große Leere, große Freiheit, Langeweile, Aufregung, Verliebtheit, Freibad, Zeltplatz, Glück, Unglück. Für die Serie "Ferienflimmern" haben sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller an die wichtigsten sechs Wochen ihrer Jugend erinnert. Auf Lutz Seiler folgt nun María Cecilia Barbetta.

Los tuyos y los míos – so bezeichneten mein Bruder und ich die Playmobilfiguren, die wir untereinander aufteilten. Nachdem im Namen der Justitia, der Göttin der Gerechtigkeit, für klare Verhältnisse gesorgt war, beschafften wir der jeweiligen Ersatzfamilie ein Dach über dem Kopf. Mit umgestürzten Stühlen errichteten wir modernistische Behausungen, das nötige Mobiliar mit Bauklötzen.

Die Szene spielte sich Tag für Tag zwischen ein und drei Uhr ab, während der heiligen Siesta, die unsere Mutter und ihrer Aussage nach die gesamte Nachbarschaft einhielten. Ihre Zöglinge, eingeschüchterte Rebellen, durften die Zeit der Mittagsruhe im Wohnzimmer totschlagen, vorausgesetzt, sie waren leise und rücksichtsvoll.

Auf die Weise verbrachten wir unsere Schulferien, die sich wie Kaugummi von Dezember bis in den März erstreckten, begleitet von der höllischen Hitze und dem unüberhörbaren Gezirpe der Zikaden, die kein mütterliches Gesetz zum Schweigen zu bringen vermochte. Wenngleich das meiste um uns herum träger wurde, ja, zu erlahmen drohte, dachten wir nicht daran, uns auf die faule Haut zu legen.

Auch die Deinen und die Meinen hielten die Stellung. Sie machten sich gegenseitig ihre Aufwartung, tischten Kaffee auf und servierten Kekse, während wir, ihre Bauchredner, mit größer werdender Skepsis Richtung Wand schielten, um aus den Augenwinkeln das müde Treiben der Uhr zu verfolgen. Die Zeiger klebten an der Scheibe wie die Äste an den Bäumen. Nichts regte sich. So muss sich die Ewigkeit anfühlen – davon waren mein Bruder und ich überzeugt, die wir dazumal mit gähnender Langeweile der Wiederkehr des Gleichen beiwohnten, bis wir Punkt drei jubilierend in die Freiheit stürzten, Hals über Kopf in das überhitzte Planschbecken, das unser Vater zu Beginn des argentinischen Sommers aus dem Winterschlaf unserer Tiefgarage gerissen hatte, um es anstelle eines Jungbrunnens mitten im Garten aufzustellen.

Ein halbes Leben später, als die Scheidung meiner Eltern beschlossen war, die Meinungsverschiedenheiten zwischen uns Geschwistern unüberbrückbar erschienen und sich ein Käufer für das Familienhaus auftreiben ließ, kehrte ich aus Deutschland nach Buenos Aires zurück, um mein Kinder- und Jugendzimmer aufzulösen. Im Strudel der Ereignisse konnte wenig gerettet werden. In einer der Spielzeugkisten, die sich im Kofferraum stapelten, um zur Caritas gefahren zu werden, bemerkte ich in letzter Minute einen mir zuwinkenden Arm und einige Bauklötze weiter ein ausgestrecktes Bein. 

Ich fischte zwei Figuren heraus und stellte fest, dass sie sämtliche Strapazen heil überstanden hatten. Anders als wir sahen sie aus wie früher, aber ich hätte trotzdem nicht sagen können, ob es die Deinen oder die Meinen waren, die mir die Tränen in die Augen trieben. Ich weinte lautlos vor mich hin, suchte fieberhaft nach Köfferchen und Mütze, Flechtkorb und Sonnenhut, um die Immerwährenden, so gut es ging, auszustatten, dieses kleine, große Stück Sommerglück, das mich bis ans andere Ende der Welt begleiten sollte.