Sommerferien, große Leere, große Freiheit, Langeweile, Aufregung, Verliebtheit, Freibad, Zeltplatz, Glück, Unglück. Für die Serie "Ferienflimmern" haben sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller an die wichtigsten sechs Wochen ihrer Jugend erinnert. Peter Stamm beendet nun die Reihe.

Nach den Sommerferien schienen die Bewohner meines Dorfs keine große Lust mehr zum Baden zu haben, und wenn es für ein paar Tage kühl und regnerisch wurde, schloss der Bademeister das Schwimmbad unten am Fluss. Ich war mit dem Fahrrad hingefahren, und nachdem ich mich versichert hatte, dass niemand da war, kletterte ich über das Tor des Maschendrahtzauns. Ich schlich zu den Umkleidekabinen, die sich in einem flachen weiß gestrichenen Backsteingebäude befanden. Neben dem Eingang war ein Schild, Männer und Knaben. Licht fiel nur durch einen breiten Spalt zwischen den Mauern und dem Dach, in den Kabinen war es immer etwas schummrig und feucht, selbst bei der größten Hitze. Der hellblau gestrichene Betonboden fühlte sich klebrig an. Ich schaute in den Schließfächern nach, ob jemand das Pfand vergessen hatte, aber ich fand nichts. Nach der Hälfte der Fächer gab ich die Suche auf.

Ich stand vor den Umkleidekabinen: Frauen und Mädchen. Ich ging hinein in diesen verbotenen Raum, mein Herz schlug schneller. Hier gab es mehr Einzelkabinen, dafür keinen Umkleideraum wie bei den Männern, die sich voreinander auszogen. Ich fragte mich, ob die Frauen sich schämten, ob sie Geheimnisse hatten und welche.

Ich lief zum Fluss hinunter. Das Wasser war hellbraun und stand hoch. Es floss so schnell, dass seine Oberfläche sich unruhig kräuselte. Äste trieben vorüber, es sah aus, als seien sie schneller als die Strömung. Das Wehr flussabwärts musste nach dem Gewitter geöffnet worden sein, ich hörte das entfernte Tosen des stürzenden Wassers. Es regnete nur noch ganz leicht, schließlich hörte es auf. Ich ging zurück zu den Kabinen und zog mich um.

Ich stieg ins Becken, die Kälte nahm mir den Atem. Lange stand ich auf der untersten Sprosse der Leiter, bis zum Bauch im Wasser, dann ließ ich mich fallen. Ich atmete ein paar Mal tief durch, stieß mich vom Beckenrand ab und tauchte schräg nach unten. Verschwommen sah ich die weißen Linien am Boden des Bassins vorüberziehen. Ich schwamm jetzt dicht über dem Grund. Nach der dritten Linie spürte ich ein Saugen im Hals und im Brustkorb. Ich musste an die Oberfläche, ich würde es nicht bis zur anderen Seite schaffen. Aber dann tauchte ich einfach weiter, und das Saugen ließ nach. Ich hatte das Gefühl, ich könne ewig unten bleiben. Auf den letzten Metern stieß ich die Luft aus, die ich noch in den Lungen hatte.

Als ich aus dem Becken geklettert war, fror ich und rannte zum Sprungturm und zurück. Die Wasseroberfläche war wieder ganz glatt. Ich streunte umher, ging über die große Wiese und am Zaun entlang unter den Bäumen, wo die Erde an manchen Stellen nackt glänzte, wie poliert. Es roch nach Gras und Erde und süßlich nach Blüten oder Abfällen. Die Sonne war unter den Wolken hervorgekommen und schien flach über die Wiese. Es war plötzlich sehr hell. Ich hoffte, etwas zu finden, einen Geldbeutel, eine Uhr, ein Taschenmesser, irgendetwas. Unten am Fluss legte ich mich ins kurzgeschnittene Gras und schaute zu, wie das braune Wasser vorüberzog. Das Gras war nass und kalt. Von irgendwoher fielen ein paar Wassertropfen auf meinen Bauch. Ein leichter Wind war aufgekommen. Alles war sehr klar und oberflächlich. Es war eine Mischung aus Glück und Unglück. Es war Glück, das sich wie Unglück anfühlte.