In seinem Buch Lichtjahre beschreibt der Literaturkritiker Volker Weidermann den ersten Auftritt der Autorin Terézia Mora: Das war 1997 in Berlin-Pankow, wo damals der Open-Mike-Wettbewerb ausgetragen wurde – einer der wichtigsten Lesepreise für junge Schriftsteller. Wer den Open Mike einmal verfolgt hat, weiß, dass man Geduld und Beharrungsvermögen braucht. Damals, 1997, war es wohl nicht anders. Die Zuhörer, so beschreibt es Weidermann, seien tief in den Sesseln versunken oder etwas gelangweilt auf ihren Stühlen gehangen. Als aber Terézia Mora auf die Bühne trat und ihre ersten Sätze sprach, habe sich etwas im Raum verändert. Die Zuhörer hätten sich aufgerichtet, so, wie man sich aufrichtet, wenn man aufmerksam sein und nichts verpassen möchte. Die Haltung des Textes schien auch etwas an der Haltung der Veranstaltungsbesucher zu verwandeln. Moras Sätze waren kurz, prägnant, wach- und aufrüttelnd.

Genau so müsste es immer sein, wenn eine neue Stimme ertönt: Dass alle, die dabei sind, sofort wissen, dass es eine neue Stimme ist, ein eigenständiger Ton, etwas Einmaliges. Terézia Mora gewann – natürlich – den Wettbewerb. Sie gewann auch den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt mit der Erzählung Der Fall Ophelia. Der Deutsche Buchpreis für den Roman Das Ungeheuer wurde ihr 2013 verliehen, im Januar 2018 wurde sie mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Und nun wird sie mit der höchsten, mit 50.000 Euro dotierten Auszeichnung des Landes geehrt, dem Georg-Büchner-Preis, der seit 1951 vergeben wird.

Moras Debüt, der Erzählungsband Seltsame Materie, spielt vor der Zeitenwende des Jahres 1990 in einer Diktatur. Aber es wäre zu einfach gedacht, würde man das nur auf ein staatliches Regime beziehen. Die Tyrannei, die diese Geschichten grundiert, reicht weiter; sie sei ein Geflecht mehrerer autoritärer Systeme, wie die Autorin einmal schrieb: bäuerliche Lebensweise, katholische Religionsausübung sowie die Zugehörigkeit zu einer ethnischen, sprachlichen Minderheit. Es ist ein zerfallendes, zerfaserndes, sich zersetzendes Milieu, in dem Moras Erzählungen angesiedelt sind. Und die Geschichten bewegen sich an den Randbezirken dieser sich auflösenden Welt, räumlich wie auch zeitlich. Wer an dieser Grenze wandelt, wie es die Figuren Moras notgedrungen tun, der ist auf der Hut und weiß um die Brüchigkeit seines Lebens. Sie habe eines gelernt, erklärte Mora einmal, dass diese Welt absurd und dass das völlig normal sei.

Der Held entgleitet von Seite zu Seite

Terézia Mora wurde 1971 in Sopron in Ungarn geboren. Ihre Familie gehörte dort zur deutschsprachigen Minderheit. "Schon als kleines Kind", sagte sie über sich, "habe ich mir vorgenommen, keinen Tag länger hier in diesem Dorf zu bleiben, als es das Gesetz verlangt." Budapest war da noch das Ziel, der einzige vorstellbare Ort für eine Jugendliche aus der ungarischen Provinz. Im Jahr 1990 zog es Mora nach Berlin, in eine Stadt, von der sie einmal meinte: "Sie hat mich nicht aufgenommen, aber ich habe sie aufgenommen." Sie studierte in dieser widerborstigen Stadt Hungarologie und Theaterwissenschaften, wenig später Drehbuch an der Film- und Fernsehakademie, begann zu schreiben und zu übersetzen – so hat sie aus dem Ungarischen unter anderem Péter Esterházys Jahrhundertwerk Harmonia Caelestis oder Istvan Örkenis Minutennovellen ins Deutsche gebracht.

In der Öffentlichkeit richtig wahrgenommen wurde sie erstmals 2004 mit dem Roman Alle Tage, für den sie mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Die Hauptfigur dieses Romans, Abel Nema, ist "ein Mensch mit bemerkenswerten Talenten, zehn Jahre, zehn Sprachen, gelernt und gelehrt, und auch als Privatperson von einiger Wirkung". Das Besondere an diesem skurrilen Helden ist seine Unfassbarkeit, er entgleitet einem von Seite zu Seite, obwohl man nicht wenig über ihn erfährt. Abel gelangt wie Mora selbst als 19-Jähriger aus einer Kleinstadt im Osten in eine westliche Metropole. Er kommt an und bleibt doch fremd – eine Erfahrung, die von der Lebensgeschichte Moras und der vieler ihrer nach Deutschland gekommenen Generationsgenossen verbürgt scheint. Es ist ein Balanceakt, eine schwindelerregende Geschichte, und Mora schafft es mit der ihr zur Verfügung stehenden Sprache – man müsste eigentlich von Sprachen reden –, diese Schaukelbewegungen nachzuvollziehen, den Leser selbst in einen Schwebezustand zu versetzen. Sie wechselt behände zwischen Tonarten und Textsorten hin und her, zwischen genauen Wirklichkeitsbeschreibungen und ins Surreale kippenden Bildern, sie nutzt verschiedene Stimmen, verändert immer wieder die Blickwinkel, manchmal von Absatz zu Absatz. Alle Tage ist ein Panoptikum, ein Gemurmel, ein ohrenbetäubendes Klangwerk.