Wer einen Science-Fiction-Roman schreibt, bekommt es unweigerlich mit einer kritischen, um nicht zu sagen nerdigen Leserschaft zu tun. Sie kennt alle Referenzen, Vorbilder und Helden des Genres und räumt einem neuen Buch nicht gerade bereitwillig einen Platz ein neben den heiß geliebten großen Werken. Feministische Science-Fiction nimmt da eine gewisse Sonderstellung ein, ihr gesellschaftliches Anliegen ist meist schon qua Genre so klar umrissen, dass sie, je nach politischer Wetterlage und Einstellung des einzelnen Lesers, mal wohlwollender, mal kritischer beäugt wird.

Was nicht heißt, dass dieses Feld keine Gelegenheit für Nerdigkeiten bietet, die zeitgenössischen Werke dieser Art sind sich ihrer literarischen Vormütter oft sehr wohl bewusst. Nach einer Hochphase in den Siebziger- und Achtzigerjahren mit Margaret Atwood, Ursula Le Guin und Octavia Butler hat die Veröffentlichung und Rezeption von feministischen Science-Fiction-Geschichten in den letzten Jahren wieder zugenommen. Naomi Alderman legte 2016 mit Die Gabe einen Roman vor, der sich mit den Klassikern des Genres messen kann, und die aktuelle Serien-Verfilmung von Atwoods Der Report der Magd ist seiner Vorlage in vielerlei Hinsicht gerecht geworden.

In diese Landschaft platzt nun Vox herein, ein Roman, dessen Autorin Christina Dalcher sich ausschließlich Margaret Atwoods Geschichte von den Mägden bewusst zu sein scheint. Der Roman spielt in einer nahen Zukunft, in der die christlich-fundamentalistische "Bewegung der Reinen" an der Spitze der Regierung sitzt und beschlossen hat, dass Frauen nur noch hundert Wörter am Tag sprechen dürfen. Bewerkstelligt wird das durch Armbänder, die elektrische Schocks abgeben, sobald das Tageslimit überschritten ist.

Unterwürfige Ehefrauen

Es ist ironisch, dass es hier um die Begrenzung der Sprache geht. Das Marketing des Romans brüllt einen geradezu an. Auf dem Buchrücken der deutschen Ausgabe steht: "In der Zukunft hast Du keine Stimme mehr. Der Roman, den jede Frau lesen muss." Bei so viel Imperativ möchte man eigentlich nur noch trotzig schweigen.

Trotz der simplen Prämisse, mit der die wichtige, aber uralte feministische Forderung nach der angemessenen Repräsentation von Frauenstimmen aufgegriffen wird, sieht die Autorin anscheinend Erklärungsbedarf. Der Verlag hat einen Brief und ein kurzes Interview von und mit Christina Dalcher veröffentlicht, in dem sie sagt, was sie mit dem Buch sagen wollte: Sprache sei essenziell für unsere Existenz. Das klingt einigermaßen banal und es wird im Laufe des Romans dann auch weder verkompliziert noch sonst irgendwie weiterentwickelt. Außerdem, so Dalcher, wollte sie zeigen, wie schnell sich die Welt verändern kann, wenn wir nicht aufpassen.

Das ist ja die große Stärke des Genres: Im besten Fall wird das Undenkbare plausibel gemacht. Atwood glaubt man sofort, wenn sie erzählt, wie die amerikanische Regierung von einem Tag auf den anderen von religiösen Fanatikern gestürzt wurde und ein System installiert hat, in dem Frauen entweder zu unterwürfigen Ehefrauen oder zu Gebärmaschinen gemacht wurden. Das hat vor allem mit dem worldbuilding, also dem Bau dieser Welt zu tun, den Atwood sehr gründlich und mit großer Genauigkeit betrieben hat.