Etwa neunzig Jahre liegen zwischen Fritz Langs Monumentalepos Metropolis und der britischen Science-Fiction-Serie Black Mirror – und man kann ziemlich sicher sein, dass Julia von Lucadou beide genau studiert hat. Schauplatz ihres Debütromans Die Hochhausspringerin ist eine schier uferlose Megacity, die irgendwo in Europa, Asien oder auch den USA liegen könnte. Wolkenkratzer beherrschen die Szenerie, in deren Penthouses die VIPs und Influencer leben, wie auch die titelgebende Hochhausspringerin Riva Karnovsky. Wer ganz oben wohnt, badet im Licht, während zu den untersten Stockwerken kein Sonnenstrahl mehr durchdringt.

Um die Gebäude winden sich mehrstöckige Autobahnen; dazwischen gleiten lautlos die Skytrains – eine unterkühlte, retrofuturistische Ästhetik, die direkt dem deutschen Expressionismus entlehnt zu sein scheint. Doch nur wer über einen entsprechenden Credit-Score verfügt, kann sich ein Leben in der Metropole leisten. Umgeben wird die Stadt von einer dreckigen, heißen Peripherie, in der anachronistisch gewordene "Biofamilien" in Armut und Bedeutungslosigkeit zusammenleben – aber auch in Freiheit, außerhalb jeglicher Kontrolle, "off the grid".

Marketing- und Motivationssprech

Die einzige Chance, aus der Peripherie herauszukommen, bieten die obligatorischen Castings, die auch Riva bereits in jungen Jahren als Karrieresprungbrett dienten. Privilegiertere Kinder, wie die Ich-Erzählerin Hitomi Yoshida, wachsen in sogenannten Childcare-Instituten auf, die auf den ersten Blick an kommunistische Drillanstalten erinnern, dabei allerdings eine durch und durch neoliberale Selbstverbesserungsrhetorik vermitteln. Letztere hat Hitomi zu beinahe 100 Prozent verinnerlicht. Und gerade dieses "beinahe" macht sie zu einer so faszinierenden wie verstörenden Erzählfigur.

Als Wirtschaftspsychologin und Datenanalystin (was in einer Welt, in der das Motto Daten lügen nicht regiert, ohnehin dasselbe ist) wurde sie von der Firma PsySolutions beauftragt, Riva wieder auf Linie zu bringen. Denn seit einiger Zeit verweigert sich die Topsportlerin aus unerfindlichen Gründen ihrem bisherigen Lebensinhalt, dem "Highrise Diving™". Sie vernachlässigt ihr Training, ihren perfekt gestählten Körper, und postet nichts mehr in den sozialen Medien, kurz: "Glamour und Credits und Fame" sind ihr von einem Tag auf den anderen egal geworden. Für Hitomi ein fast schon persönlicher Affront: Während die "sakrale Superheldin" alles, was sie erreicht hat, leichtfertig hinschmeißt, muss sich Hitomi neben ihrem PsySolutions-Job nachts im Bereitschaftsdienst der Hotline "Call-a-Coach" abrackern, denn ohne die zusätzlichen Credits könnte sie sich ihre Wohnung im privilegierten Distrikt nicht leisten.

Der Marketing- und Motivationssprech neoliberaler Selbstausbeutung ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen; längst erstreckt er sich auch auf Freizeit, Gesundheit, Sex- und Liebesleben. Überall gilt es, Sollwerte zu erreichen, Performance Reports zu verbessern, im Ranking aufzusteigen, penibel das eigene Fehlverhalten zu evaluieren (nach einem Teammeeting ebenso wie nach einem Date oder einem Besuch im Fitnessstudio). In jeder Sekunde achtet Hitomi auf die richtige Körperspannung, die Festigkeit ihrer Schritte, einen angemessen selbstbewussten Blick – denn schließlich weiß sie als unsichtbare Beobachterin von Riva am allerbesten, dass im Panopticon der Zukunft überall versteckte Kameras lauern.

Die "creepy line" verschoben

Lucadous Sätze sind so transparent wie die gläserne Architektur, die ihre Figuren umschließt, ihre Worte so präzise gewählt, als würde jemand permanent aus dem Off das Achtsamkeitslevel checken. Es gibt in ihrer Zukunftsvision keinen Lacan‘schen großen Anderen, keinen Orwell’schen großen Bruder – der große Andere sind wir. Hitomi glaubt fest an die bestmögliche Version ihrer selbst, die sich durch den "non-invasiven" Führungsstil ihres Vorgesetzten, durch gewissenhaft ausgeführte Mindfulness-Übungen und das Einhalten ihres täglichen Bewegungsminimums zu guter Letzt entfalten wird. So gelingt es Lucadou über lange Strecken, einen verunsichernden Schwebezustand zwischen Utopie und Dystopie aufrechtzuerhalten, der uns immer wieder mit der Frage konfrontiert, in welcher Welt wir leben wollen.

Im Nachhinein ein Date mittels Fünf-Sterne-System zu bewerten, mag uns heute unethisch oder lachhaft erscheinen; bei Amazon, Ebay und Airbnb machen wir die Ratingpraxis jedoch fraglos mit. Man muss nicht einmal die Black-Mirror-Folge Abgestürzt bemühen, um sich die grotesken Blüten des Vermessungs- und Rankingwahns auszumalen – in China wird bereits ein ganz ähnliches Sozialkreditsystem getestet, das bis 2020 verpflichtend für alle Staatsbürger gelten soll. Unsere Activity Tracker heißen Fitbit oder Vivosmart, die Funktion einer Partnervermittlung gemäß Creditscorelevel übernehmen heute die Matchingfunktionen von Parship, Tinder und OkCupid. Und wem die paternalistische Fürsorglichkeit des PsySolution-Chefs, seine "Digital-Cleanse"- und "Decluttering"-Anwandlungen karikaturhaft überzogen erscheinen, braucht nur mal einen Blick in aktuelle, durchaus ernst gemeinte Managementratgeber zu werfen. Kurz gesagt: Lucadou beschreibt eine Welt, in der wir beinahe leben. Sie hat lediglich die "creepy line" um ein paar Grade verschoben.