Schon früh im Leben las James Baldwin von Jesus, der die Nähe zu den Armen und den von der Gesellschaft Ausgestoßenen suchte. Das gefiel ihm, dem Sohn eines Predigers und Fabrikarbeiters, dem sensiblen schwarzen Jungen aus Harlem. Doch er sah nicht, dass die Botschaft von der Liebe Gottes auch tatsächlich gelebt wurde. Schwarze waren vom amerikanischen Traum weitgehend ausgeschlossen und Baldwins autoritärer Stiefvater verprügelte ihn und ging dann in die Kirche, um zu beten. Die Widersprüche waren einfach zu überwältigend. Baldwin hat die Dunkelheit und Trostlosigkeit in der Welt immer aus den Kammern seines Herzens heraus betrachtet. 

Und so wuchs er, der Dostojewski las und Dickens liebte, heran und wurde einer der bedeutendsten afroamerikanischen Intellektuellen der Bürgerrechtsbewegung. Als er schließlich mit 24 ins selbst gewählte Exil nach Europa ging, um der rassistischen Bigotterie Amerikas zu entkommen, waren es seine frühen Erfahrungen, die er in seine Literatur einfließen ließ: etwa in seinen ersten autobiografisch gefärbten Roman Go Tell It on the Mountain, auf Deutsch Von dieser Welt, der im strengen, afroamerikanischen Kirchenmilieu spielt und in vielerlei Hinsicht den Grundpfeiler seiner Karriere setzte.

Sein Leben als Schwarzer und als Homosexueller in Amerika und Harlem; die Spannungen zwischen Schwarzen und Juden; seine Ansichten über das Christentum als eine Form der Sklaverei, die den Schwarzen einen weißen Gott aufzwang – diese Themen sollten Baldwin bis an sein Lebensende 1987 beschäftigen. Auch sein fünfter Roman Beale Street Blues, der nun ins Deutsche neu übersetzt wurde, erzählt von diesen Dingen. "Gott hat mit Amerika überhaupt niemandem ein Geschenk gemacht", heißt es an einer Stelle, "den würde man windelweich prügeln."

Zwischen ihnen die Glaswand

Der deutsche dtv Verlag lanciert in diesem Jahr die Neuausgabe von Baldwins Texten in der Neuübersetzung von Miriam Mandelkow. Den Anfang machte sein prachtvoller Debütroman von 1953. Mit Beale Street Blues von 1974 liegt jetzt sein vorletzter Roman vor. Er stellte ihn größtenteils in seinem Haus in Saint-Paul-de-Vence im Süden Frankreichs fertig, wo er inmitten von Palmen und Orangenbäumen die Alpen im Norden und das Mittelmeer im Süden sehen konnte. Am wichtigsten war, dass er ungestört schreiben konnte, während die Seiten durch Songs von Ray Charles und Billie Holiday vibrierten.

Seine Freunde und Wegbegleiter, die schwarzen Bürgerrechtler Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King Jr., waren ermordet worden und er war längst nicht mehr der Literaturstar, der er einmal gewesen war, aber Beale Street Blues ist kein bisschen verbittert. Es ist einmal mehr ein Beleg dafür, dass Baldwin stets ein dem Leben und der Liebe zugewandter Romantiker blieb, auch dann, wenn er mit Gott und Amerika haderte.

Erzählt wird die Geschichte von der jungen Parfümverkäuferin Clementine Rivers, von allen nur Tish genannt. Es beginnt damit, dass sie ihren Freund Fonny besucht. Von ihm ist sie schwanger. Zwischen ihnen eine Glaswand. Er sitzt im Gefängnis, weil ihm ein weißer Polizist, der wenige Wochen zuvor in Brooklyn einen schwarzen Jungen erschossen hatte, aus schlichter Bosheit eine Vergewaltigung angehängt hat. Ein Freund von Fonny wurde Jahre zuvor auch verhaftet und fälschlicherweise wegen Autodiebstahls verurteilt – er ist daran zerbrochen.

Gegen das Establishment

Tish und Fonny kennen sich von klein auf aus Harlem. In einem Streit nach der Schule hatte sie ihm einen Stock mit einem Nagel ins Gesicht gehauen und er ihr ins Gesicht gespuckt. Sie wurden Freunde und so hat es sich ganz von selbst ergeben, dass sie, als sie um die 20 waren, ein Paar wurden. Sie wären jetzt verheiratet "wenn dieser verfluchte weiße Mann nicht wäre".

Tish ist schwarz, genauso wie Fonny. Aber wenn er weiß wäre, dann gäbe es gar keinen Fall, da sind sie sich sicher. Die Anklage hat es geschafft, alle Zeugen, die für ihn aussagen sollten, auszubremsen und einzuschüchtern. Fonnys Vater und die Familie von Tish kämpfen verzweifelt darum, ihn freizubekommen, aber seine Mutter und seine Schwestern schämen sich dafür, dass ein Mitglied ihrer Familie im Gefängnis sitzt. Seine Aussichten sind trübe.

Als Inspiration für Beale Street Blues diente James Baldwin der Fall seines Freundes Tony Maynard, der eines Mordes angeklagt wurde, den er nicht begangen hatte, und sechs Jahre im Gefängnis verbringen musste. Baldwin war der Überzeugung, dass das US-Gefängnissystem in gewisser Hinsicht eine Fortsetzung der Sklaverei mit anderen Mitteln darstellt, und trotzdem ist Beale Street Blues kein Stück polemische Protestliteratur. Vielmehr ist es die Geschichte von der Liebe zwischen Menschen und der Liebe innerhalb einer Familie, die sich gegen das Establishment wehrt.