Anschwellender Klagegesang

Von Ronya Othmann

"Du hast den Literaturpreis doch nur bekommen wegen deinem Migrationshintergrund", tippe ich in das Textfeld auf Twitter und setze den Hashtag #MeTwo dahinter.

Ich bin gerade in einem Aufenthaltsstipendium in Chemnitz, als es losgeht. Der Hashtag #MeTwo, unter dem Menschen von ihren Rassismuserfahrungen berichten. Sie erzählen, was ihnen in der Uni, auf der Arbeit, in der U-Bahn, beim Arzt, im Klassenzimmer widerfahren ist. Ich lese und lese und lese. Und während ich lese, fällt mir ständig eine ähnliche Situation, in der ich war, ein, ein verletzender Kommentar, eine Bemerkung. Vergangenes Jahr hat es eine große Debatte gegeben zum Sexismus im Literaturbetrieb. Es ist nun Zeit für ein #MeTwo im Literaturbetrieb. Auf einer Lesung in einem Literaturhaus werde ich gefragt, ob ich denn jetzt von meiner Fluchtgeschichte erzählen will. Ich bin irritiert, welche Fluchtgeschichte denn? Meine Flucht von Bayern nach Leipzig, oder was? Alle anderen Autor*innen an diesem Abend werden zu ihren Texten gefragt.

Bei einem Workshop für Nachwuchsautor*innen werde ich für mein gutes Deutsch gelobt, meine fehlerfreie Grammatik, Orthografie. Es ist nicht das erste Mal, dass mir das passiert. Die Person, die mich lobt, hat neben meinem Text meinen Lebenslauf liegen: "geboren 1993 in München, Abitur 2012 in Freising, seit 2014 Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig".

In einem Seminar am Deutschen Literaturinstitut Leipzig gab es eine Leseliste für Hausarbeit und Referat, aus der man ein Thema auswählen konnte. Die Lese- und Filmliste bestand größtenteils aus Männern, und allesamt waren weiß. Weil das auch möglich war, beschloss ich, selbst etwas vorzuschlagen, Bahman Ghobadi und Yaşar Kemal. Der Gastdozent sagte "nein", mit der Begründung, Ghobadi und Kemal wären für unseren Kulturkreis nicht relevant.

Wie oft habe ich Leute sagen gehört: "Ja ich würde ja gerne mehr arabische, kurdische oder türkische Literatur lesen, aber die schreiben immer so blumig."

Was für ein provinzielles, was für ein kolonialistisches Verständnis von Ästhetik, Kunst, Literatur. "Für unseren Kulturkreis nicht relevant", wie der Gastdozent in dem Seminar sagte. Wo doch Bahman Ghobadi und Yaşar Kemal mein eigenes Schreiben so sehr beeinflusst haben. Was wollte dieser Gastdozent damit sagen? Ist dann mein eigenes von Ghobadi und Kemal geprägtes deutschsprachiges Schreiben für diesen "unseren" Kulturkreis genauso wenig relevant? Überflüssig zu sagen, dass mich so eine Kulturkreissache nie interessiert hat, ich habe die Filme von Ghobadi gesehen, die Bücher von Kemal gelesen wie die von Herta Müller, Else Lasker-Schüler, Paul Celan, Sherko Fatah, Hisham Matar und, und, und. Und wo doch Liebe, Schmerz, Leben, Leid globale Themen sind, wie Ghobadi in einem Interview mal sagte. Muss man das wirklich noch sagen? Ist das nicht eigentlich schon selbstverständlich?

Leute geben mir auch gerne gut gemeinte Ratschläge. Lieber sollte ich nicht so viel kurdisch-êzîdisch-deutsche Geschichten schreiben, mich nicht so sehr in die "Migrantenliteraturschublade" stecken lassen. Und was interessiert mich diese Migrantenliteraturschublade? Wie alle anderen will ich meine Stoffe und Themen gerne selbst wählen.

Gleichzeitig werde ich manchmal für meinen "Hintergrund" beneidet. Das ist doch jetzt gut für dich, sagt eine Kollegin, dass Syrien, die Jesiden und die Kurden in den Tagesthemen sind, dann kannst du deine Texte sicher gut verkaufen. Ich sage nichts dazu und denke mir, wie toll, wenn deine êzîdisch-kurdische Familie im Irak und in Syrien vor einem Genozid, dem IS und dem Bürgerkrieg fliehen muss, wenn sich jetzt Verlage für meinen Roman interessieren.

Überflüssig zu sagen, dass ich lieber darauf verzichten würde. Und schon wieder scheint es nur um meinen "Hintergrund" zu gehen, nicht um meine Arbeit. Dabei beschäftige ich mich wie alle anderen Autor*innen auch mit ästhetischen Fragestellungen, arbeite mit Sprache, Rhythmus, Dramaturgie.

Überflüssig auch zu sagen, dass es mich verletzt, mich, als junge Autorin, manchmal auch verunsichert, an meinen eigenen Fähigkeiten zweifeln lässt, wenn mir gesagt wird, ich hätte den Literaturpreis nur bekommen wegen meinem Migrationshintergrund, die literarische Reportage für eine Tageszeitung nur schreiben dürfen, wegen meinem "Migrantenbonus", und meine Texte, in denen ich beispielsweise über den Genozid an den Êzîden schreibe, würden nur gut ankommen, weil das so "Betroffenheitsgeschichten" sind. Und wenn der Filmemacher Bahman Ghobadi, dessen Filme oft in Kurdistan spielen, als für "unseren Kulturkreis nicht relevant" abgewertet wird. Irgendwann habe ich beschlossen, meinen Namen so auszusprechen, wie er auf kurdisch ausgesprochen wird, nämlich nicht wie Ronja Räubertochter, sondern – es ist ein kurdischer Name – R-o-n-y-a, mit gerolltem R, langem O. Ich mache das nur manchmal, weil ich oft zu schüchtern bin dafür, mich schäme, dass ich so viel Trubel und Komplikationen, erneutes Nachfragen auslöse. Ich habe mich aber dann doch auf einer Literaturveranstaltung so vorgestellt, und durfte mich bei der Lesung selbst ankündigen, weil der Name so schwer auszusprechen sei.

Ich könnte die Liste weiter fortsetzen, den Hashtag anfügen #bachmannpreissowhite; man sehe sich mal die Zusammensetzung der Jurys an, der Literaturkritiker*innen in den Feuilletons, die Literaturveranstalter*innen. 2014 schrieb Florian Kessler in der ZEIT in seinem Kommentar Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn! darüber, wie homogen das Milieu ist, aus dem die meisten Absolvent*innen von Schreibschulen kommen. Letztes Jahr gab es, angestoßen durch ein Dossier im Merkur, eine Debatte zu Sexismus im Literaturbetrieb. Es wurde gezählt, wie viele Männer und Frauen auf der Liste des Deutschen Buchpreises stehen, wie das Geschlechterverhältnis in Jurys ist. Nun könnte man auch mal darüber reden, wie weiß der Literaturbetrieb eigentlich ist. Und wie rassistisch.

Ich sitze immer mit meinem Smartphone in der Hand in meinem Chemnitzer Kleingarten, wo ich eigentlich über Pflanzen schreiben will, und lese, bis mein Datenvolumen aufgebraucht, dann mein Akku leer ist. Da findet sich eine Sprache. #MeTwo, #MeTwo wie ein anschwellender Klagegesang, wütend, trotzig, traurig. Es fängt nicht beim Literaturbetrieb an, es hört nicht beim Literaturbetrieb auf.